This is where the magic happens
Anfang der 90er Jahren sorgte der japanische Erfinder Kenji Kawakami mit den merkwürdigsten Geräten für Furore. Aberwitzige Erfindungen wie der Butter-Klebestift, der Nudel-Ventilator, der Strampler-Wischmopp oder die Fingerzahnbürste gingen auf sein Konto.
Bekannt geworden sind Kawakamis nutzlose Erfindungen als Chindōgu, was übersetzt soviel wie "seltsames Gerät" bedeutet. Und mittlerweile hat sich ein ganzer Kult darum entwickelt.
Chindōgu: Scheint irgendwie nützlich! (Ist es aber nicht)
Aber während Kawakamis Anarcho-Erfindungen vor allem deshalb so viel Spaß machen, weil sie vollkommen harmlos sind, sehe ich bei vielen Solopreneuren häufig gewisse Verhaltensmuster, die einige Parallelen zu Kawakamis Chindōgus aufweisen. Und die sind nicht ganz so ungefährlich...
Der Chindōgu-Effekt bei Solopreneuren
Die allermeisten Solopreneure und Sologründerinnen haben nicht das Problem, zu wenige Ideen zu haben. Tatsächlich haben sie viel zu viele. Da wird gebrainstormt, gemindmapt und drauflosgescampert bist der Arzt kommt.
Und irgendwann kommen so viele Ideen zusammen, dass all diese Einfälle irgendwie gesammelt, sortiert und organisiert werden wollen. (Schließlich will man ja nichts Wichtiges vergessen!) Dann werden all die Ideen und Einfälle mit aufwändigen Methoden organisiert und mit Softwaretools verbunden, um der eigenen Einfallswut irgendwie Herr zu werden. Am besten ist das Ganze auch noch für das aktuelle KI-Tool als Quelle verfügbar, damit diese bei passender Gelegenheit die richtige Idee ausspuckt.
Das Problem ist nur, dass diese ganzen kreativen Einfälle keine echten Probleme lösen. Es sind einfach nur Ideen, die um sich selbst kreisen. Echte Chindōgus eben.
Ein Chindōgu inspiriert das nächste und ehe Du Dich versiehst, bist Du rund um die Uhr damit beschäftigt, Dich nur noch mit Deinen eigenen Einfällen zu beschäftigen. Mit dem, was alles möglich wäre (oder sein könnte). Mit neuen Technologien auf der Entdecker-Spielwiese. In der vagen Hoffnung, dass sich unter all den Chindōgus vielleicht doch einmal eine brillante Idee verbergen könnte, die zufälligerweise ein reales Problem löst oder einen echten Nutzen stiftet. (So wie der Selfie-Stick, der seine Karriere auch mal als Chindōgu begann.)
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Aber so entstehen keine innovativen Lösungen. So entstehen lediglich Chindōgus.
Innovation braucht drei Perspektiven (und nicht nur ein einzige)
Tatsächlich kannst Du das Problem gut erkennen, wenn Du einen Blick auf Tim Browns Design Thinking Definition wirfst. Denn Browns Definition umfasst insgesamt drei verschiedene Perspektiven:
- Desirability : Die Bedürfnisse und Wünsche von Menschen
- Feasibility : Das technisch Machbare
- Viability : Die Anforderungen an den Geschäftserfolg
Und wenn Du Dich ausschließlich darauf konzentrierst, das technische Machbare zu erforschen, Ideen zu entwickeln und Dich mit Deinen eigenen Einfällen zu beschäftigen, ignorierst Du die beiden anderen Perspektiven.
Weder beschäftigst Du Dich mit den Bedürfnissen & Wünschen Deiner Zielgruppe (Desirability), noch mit den Anforderungen Deines Business (Viability).
Aber die Magie innovativer Produkte braucht alle drei Perspektiven gleichzeitig.
Die Magie geschieht viel früher
Innovative Produkte und Dienstleistungen entstehen nicht, weil Du das Maximum an kreativen Ideen rausdonnerst und Deine Chindōgus dann mit einem perfekten System archivierst, organisierst und für die KI durchsuchbar machst.
Im Grunde überspringst Du damit nur den Problemraum des Double Diamonds und startest sofort mit Deiner Entdeckungsreise in den Lösungsraum.
Die Magie der Innovation beginnt aber schon viel früher, nämlich in der Discovery-Phase.
Du kannst keine Abkürzung nehmen.
Die eigentliche Kunst besteht darin, eine innovative Lösung für ein Problem Deiner Zielgruppe zu entwickeln. Das gelingt Dir jedoch nicht, wenn Du Dich nur mit Deinen Chindōgus beschäftigst.
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Zuerst musst Du das Problem Deiner Nutzer entdecken (Discover) und ausreichend verstanden (Define) haben.
Glücklicherweise hast Du diverse Optionen, den Chindōgu-Effekt zu vermeiden und Deine Reise im Problemraum und nicht im Lösungsraum zu beginnen.
Sprich mit Deiner Zielgruppe
Unterhalte Dich mit Deiner Zielgruppe! Sprich mit ihr über ihre Lebenswelt und lass Dir von ihrem Alltag erzählen. Meide den Lösungsraum wie der Teufel das Weihwasser und sprich niemals über Deine Ideen!
Beobachte Deine Zielgruppe
Führe kleine Feldstudien durch und begleite die Menschen Deiner Zielgruppe während ihres Alltags. Beobachte sie dabei, wie sie ihre Jobs to Be Done (JTBD) erledigen.
Sei neugierig und aufmerksam
Mach Dich frei von Deinen Ideen und Chindōgus und sei aufmerksam für die aktuellen Lösungen und Workarounds Deiner Zielgruppe. Erkenne die Probleme und Herausforderungen, die diese Workarounds erzeugen.
Konzentriere Dich nicht nur auf funktionale JTBD, sondern achte auch auf emotionale und soziale Jobs to Be Done.
Definiere das Problem bevor Du den nächsten Schritt gehst
Bündle die Erkenntnisse Deiner Feldstudien in einer User Persona oder einem Problem Statement. Betritt den Lösungsraum Deines Design Thinking Prozesses mit einer How-might-we-Frage, die Dir Orientierung gibt.
Das Problem Statement im Design Thinking – So geht’s!Bevor Du ein Problem lösen kannst, musst Du es erstmal richtig verstanden haben.scamperLars Richter
Gehe erst den nächsten Schritt, wenn Du die folgenden vier Fragen beantworten kannst:
- Was ist das Problem (und warum ist es ein Problem)?
- Wer hat das Problem?
- Wann und wo tritt das Problem auf?
- Wie wird das Problem heute gelöst?
Der Tunnelblick-Effekt
Dummerweise ist der Chindōgu-Effekt nicht der einzige Fallstrick, der auf Dich lauert, wenn Du neue Produkt- oder Geschäftsideen entwickelst. Denn direkt dahinter musst Du Dich vor dem Tunnelblick-Effekt in Acht nehmen.
Wenn Du ein konkretes, wichtiges und vielleicht sogar dringendes Problem Deiner Zielgruppe entdeckt hast, solltest Du Dich auf keinen Fall direkt in die erstbeste Idee verlieben, die Dir dazu einfällt.
Viele Solopreneure tun jedoch genau das. Sie fixieren sich auf eine einzige Idee, die ihnen in den Sinn kommt und blenden alle anderen möglichen Optionen und Ideen direkt aus.
Wenn Du mich fragst, ist das an Ironie kaum zu überbieten.
Denn jetzt, wo es absolut sinnvoll wäre, den Blick zu weiten und eine Vielzahl an Ideen zu entwickeln, kriegen die allermeisten Sologründer den Tunnelblick und fokussieren sich auf die erstbeste Lösung, die ihnen in den Sinn kommt.
Ohne Nachzudenken investieren sie viel Aufwand, Zeit, Geld und Arbeit in eine einzige Idee, von der überhaupt noch gar nicht klar ist, ob sie funktioniert. Und auch hier, geschieht die Magie der Innovation wieder woanders – nur nicht dort, wo Du Dich gerade aufhältst.
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Bevor Du daran gehst, intensiv in eine einzige Lösung zu investieren (Deliver), solltest Du Ideen und Möglichkeiten entwickeln (Develop).
Entwickle viele verschiedene Ideen
Greife auf die ganze Vielfalt kreativer Design Thinking Methoden zurück! Angefangen beim klassischen Brainstorming, der SCAMPER-Methode, der Walt-Disney-Methode bis hin zu den 6 Denkhüten von de Bono.
Teste günstig, schnell und einfach
Baue einfache Prototypen und Minimum Viable Products, um schnell, einfach und günstig herauszufinden, welche Deiner vielen Ideen Resonanz bei Deiner Zielgruppe erzeugt.
Hole Dir Feedback
Nutze Feedback-Methoden wie das Testing Sheet, das Feedback Capture Grid oder führe Solution Interviews durch. Bewerte Deine Ideen auf Grundlage dieser Rückmeldungen, bevor Du mehr investierst und den nächsten Schritt gehst.
Erhöhe den Umfang Deiner Tests schrittweise
Sei stets skeptisch, was den Erfolg Deiner Prototypen angeht. Nur weil zwei Test-Nutzer völlig aus dem Häuschen sind, solltest Du nicht sofort alles auf eine Karte setzen und direkt in die Serienproduktion gehen.
Steigere Aufwand, Kosten und Umfang Deiner Experimente in kleinen Schritten.
It's a Kind of Magic!
Die Magie des Design Thinkings entsteht nur dann, wenn Du auf Deiner Reise alle vier Stationen besuchst und keine Abkürzung nimmst.
Discover, Define, Develop & Deliver
Und frage Dich immer, ob die eigentliche Magie nicht doch gerade woanders geschieht...
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