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Ich sehe was, was Du nicht siehst!

scamper.blog March 4, 2026
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Wenn Du meinen Blog schon ein wenig länger liest, dann weißt Du wahrscheinlich auch, dass ich Interviews mit Kunden und Nutzern wirklich liebe. Wenn man sie richtig durchführt, lernt man sehr viel über seine Zielgruppe.

Blinde Flecken bei Interviews

Aber so hilfreich und nützlich Interviews im Design Thinking auch sein mögen: Sie haben zwei große Nachteile. Zum einen erhältst Du häufig sozial erwünschte Antworten (egal, wie gut Du darin bist, Interviews zu führen). Und zum anderen können Dir Deine Interviewees nichts über ihr unbewusstes Verhalten berichten (selbst wenn sie es wollten).

Dadurch entstehen Blinde Flecken, die Du bei keinem Interview vermeiden kannst.

Sozial erwünschte Antworten

Das erste große Problem bei Interviews sind sozial erwünschte Antworten. Menschen haben die Tendenz, nicht unbedingt wahrheitsgemäß zu antworten, sondern Dir die Antworten zu geben, von denen sie glauben, dass Du sie hören möchtest.

Ein Möglichkeit diesen Effekt abzumildern, ist der Mom Test von Rob Fitzpatrick. Allerdings wirst Du dieses Problem auch damit niemals vollends vermeiden können.

Und selbst wenn doch, wird immer noch der zweite Blinde Fleck bleiben:

Unbewusstes Verhalten

Vieles von dem, was wir Menschen in unserem Alltag machen, erledigen wir mit Routinen und Gewohnheiten. Unser Gehirn läuft dann quasi auf Autopilot und wir wissen gar nicht genau, was wir tun und wie wir es tun.

Zwei Drittel der Alltagshandlungen erfolgen per AutopilotDie meisten unserer Verhaltensweisen beruhen laut einer Studie nicht auf bewusster Wahl, sondern auf Gewohnheit. Das Wissen darum könnte praktische Vortei…geo.de23. September 2025 11:56 Uhr 2 Min.

Wenn Du Deine Nutzer also nur befragst, werden sie Dir viele wichtige Informationen schlichtweg nicht geben können – weil sie es einfach nicht wissen.

Die Alternative zu Interviews: User Shadowing

Wenn Du also wirklich wissen willst, wie der Alltag Deiner Nutzer genau aussieht, dann bleibt Dir gar nichts anderes übrig, als sie in ihrem Alltag zu begleiten, zu beobachten und zu dokumentieren, was sie tatsächlich tun.

Im Design Thinking wird dazu eine Methode genutzt, die sich User Shadowing nennt. Ursprünglich kommt das Ganze aus der ethnographischen Feldforschung, hat aber mittlerweile seinen festen Platz in der UX Research und eben im Design Thinking gefunden.

Beim User Shadowing begleitest Du eine Person Deiner Zielgruppe "wie ein Schatten" in ihrem Alltag und beobachtest genau, was sie tut, wie sie sich verhält, wann sie auf Hindernisse stößt und frustriert ist oder wie sie auf bestimmte Situationen reagiert.

Mit User Shadowing in den Alltag Deiner Nutzer abtauchenBeim User Shadowing begleitest Du Menschen Deiner Zielgruppe in ihrem Alltag und erhältst so tiefe Einblicke in ihre Lebenswelt.scamperLars Richter

Während Deiner Beobachtungen machst Du Dir Notizen und hältst alles fest, was wichtig für Dein eigenes Thema ist.

  • Wann macht die Person das, worum es Dir geht?
  • Wie geht sie dabei vor und auf welche Herausforderungen stößt sie?
  • Wie löst sie diese Herausforderungen?
  • Was passiert davor und danach?
  • Ist jemand bei ihr? Unterhält sie sich mit anderen? Worüber wird gesprochen?
  • In welcher Umgebung und in welchem Kontext passiert das Ganze?

💡

Ziel der ganzen Unternehmung ist es, wiederkehrende Muster zu entdecken, die Du anschließend genauer erforschen kannst.

Methoden im User Shadowing

User Shadowing ist allerdings nicht gleich User Shadowing. Es gibt viele verschiedene Variationen und Möglichkeiten, die Methode konkret umzusetzen.

Die beiden bekanntesten Varianten sind A Day in the Life und Fly on the Wall.

Fly on the Wall

Bei Fly on the Wall begleitest Du Menschen Deiner Zielgruppe in ihrem Alltag (oder einer speziellen Situation). Allerdings tust Du das, ohne dabei einzugreifen, Fragen zu stellen oder Dich sonst irgendwie bemerkbar zu machen. Du verhältst Dich also wie eine Fliege an der Wand.

💡

Im besten Fall weiß die Person noch nicht einmal, dass sie gerade beobachtet wird.

Während Deiner Beobachtung notierst Du Dir alles, was Dir auffällt: Verhalten, Abläufe, Momente der Frustration oder sogar unerwartete Workarounds.

Fly on the Wall – Beobachten statt fragenWie Du mit Fly on the Wall durch heimliches Beobachten mehr über Deine Zielgruppe lernst als durch jedes Interview.scamperLars Richter

A Day in the Life

Bei dieser Form des User Shadowings begleitest Du eine Person Deiner Zielgruppe für einen ganzen Tag (oder zumindest einen wichtigen Teil davon). Dabei beobachtest und interagierst Du mit der Person. Im Gegensatz zu Fly on the Wall sind bei dieser Methode also auch Nachfragen erlaubt. (Stehen aber nicht im Vordergrund.)

Der Fokus bei A Day in the Life liegt stärker auf Alltagsroutinen, Übergängen, Stimmungen und Unterbrechungen. Bei Deinen Beobachtungen dokumentierst Du also zeitliche Abläufe, Kontextwechsel, Energielevel Deines Nutzers, verwendete Tools oder auch mit welchen anderen Menschen er oder sie interagiert. Gleichzeitig achtest Du auch auf unbewusste Handlungen und Dinge, die Menschen tun, ohne darüber nachzudenken.

A Day in the Life – Begleiten statt beobachtenWie Du mit A Day in the Life durch aktives Begleiten mehr über den Alltag Deiner Zielgruppe erfährst als durch jedes Interview.scamperLars Richter

3 Dinge, die Du tun kannst, um mit dem User Shadowing zu beginnen

Natürlich machst Du weder Fly on the Wall noch A Day in the Life mal so "eben nebenbei". User Shadowing ist deutlich aufwändiger als viele andere Methoden aus dem Design Thinking und fühlt sich am Anfang zugegebenermaßen auch ein wenig komisch an.

Im Gegenzug wirst Du jedoch mit einem großen Füllhorn an Informationen und Erkenntnissen belohnt, die Dir sonst verborgen geblieben wären.

Hier sind drei Tipps, die Dir den Einstieg ins User Shadowing erleichtern:

Tipp #1: Finde heraus, wo sich Deine Zielgruppe aufhält

Zunächst einmal solltest Du recherchieren, wo sich Deine Zielgruppe überhaupt aufhält.

  • Gibt es Internetforen, Online-Gruppen oder andere Plattformen zu Deinem Thema? Melde Dich dort an und lies mit.
  • Besuche Cafés, Coworking Spaces oder Veranstaltungen, die bei Deiner Zielgruppe beliebt sind.

Nach und nach kannst Du dazu übergehen, Dich aktiv mit Deiner Zielgruppe auszutauschen und erste Kontakte zu knüpfen. Dadurch fällt es Dir später viel leichter, jemanden zu fragen, ob Du sie oder ihn einmal begleiten darfst.

Tipp #2: Frag jemanden, den Du schon kennst

Vielleicht kennst Du aber auch schon andere Menschen in Deinem Netzwerk, die zu Deiner Zielgruppe gehören. Erzähl ihnen einfach, was Du vorhast und was genau dahinter steckt.

Du wirst überrascht sein, wie viele Menschen bereit sind, Dir zu helfen.

Tipp #3: Fange klein an

Du musst Deine Zielgruppe nicht sofort den ganzen Tag begleiten. (Mehr als 2 bis 3 Stunden ist ohnehin nicht ratsam, weil dann auch Deine eigene Aufmerksamkeit schwindet.) Fang mit einer halben Stunde an, die für Dein Thema wirklich relevant ist.

Du wirst überrascht sein, was Du in dieser kurzen Zeit alles entdeckst!

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