Hemmungslos blöd fragen
Harry Martin
June 13, 2026
Themen, bei denen man wirklich leidenschaftlich verschiedener Meinung sein kann, sind vermutlich in Wahrheit neutral. Beispiele dazu: Autos, KI, ob man Kleinkinder schon in Kindergrippen (Kitas) abgeben soll, Vegetarische Ernährung, uvam. Diese Dinge haben gemeinsam, dass eine qualifizierte Meinung dazu nur aus dem Kontext heraus sinnvoll ist. Der Kontext ist in sehr viele Fällen das ganz persönliche Lebensumfeld: die eigene Gesundheit, die Sorge um den erholsamen Urlaub, das simple Überleben in einer liberalen Wirtschaftsordnung. So weit, so allgemein. Um jetzt aber zu diesen Dingen eine Position zu finden muss man fragen: Menschen, Bücher, Maschinen. Die Fragekultur verändert sich: früher was es normal, Menschen im öffentlichen Raum nach Uhrzeit oder Weg zu fragen. Heute ist die Verfügbarkeit der Information in der Hosentasche gelandet, also muss man niemand Fremden mehr fragen. Wann bist du das letzte mal von jemand angesprochen worden, der keine Gewinnabsicht hatte? Und weil das so ist werden wir auch zunehmend misstrauischer, sollten wir wo angesprochen werden. Fragen verraten viel über den Fragenden. Als Fragender offenbart man seine Wissenslücken, und auch sein Begehr, seine Bedürfnisse. Dort wo wir wissen fragen wir nicht – wozu auch? Wir kennen den Weg, wir brauchen nicht danach zu fragen. Wir wissen, wie etwas funktioniert, wir benötigen keine Gebrauchsanweisung. Mit den Suchmaschinen sind die Fragen seit Jahren blöder geworden – weil man sich vor der Maschine nicht genieren muss, etwas nicht zu wissen. Dass auch die Maschine aus den Fragen deine Absicht ableitet und so wertvolle Erkenntnisse gewinnt vergessen wir leicht. Und jetzt kommt die neue Ebene dazu: die Maschine hat plötzlich Kontext und kann deine Fragen besser einordnen, und damit auch besser beantworten. Wieviel Intelligenz darin steckt und wieviel einfach Statistik ist spielt gar keine Rolle, so lange die Antwort passt. Hier jetzt eine Aufforderung: Frage die Maschine nach Dingen, deren Antworten du kennst! Denn erstens kannst du überprüfen, wie richtig die Antworten sind (und dabei vielleicht doch noch dazu lernen) und zweitens verlierst du die Hemmungen, der Maschine zu misstrauen. Vielleicht seid ihr beide ja am selben Wissensstand? Und wenn du dann mehr Vertrauen in deine Kontextmaschine gewonnen hast kannst du beginnen, all das zu Fragem, was du immer schon wissen wolltest, was dir gerade jetzt spontan einfällt oder was du schon mal wusstest, aber zwischenzeitlich vergessen hast. Die Antwortmaschinen beginnen bei der Rechtschreibkorrektur, arbeiten sich hoch durch deine E-Mails und Antworten auf Arbeitsaufforderungem. Wo sie enden wissen wir noch nicht. Aber solange du Fragst, hast du die Kontrolle – du definierst den Kontext und kannst das Werkzeug nutzen. Bist du bei deinen Fragen gehemmt, sei es durch Unwissen oder Faulheit, dann wird die Maschine übernehmen. Du entscheidest aktiv, welche Rolle die IT in deinem Leben spielt.
Discussion in the ATmosphere