Ungeduld und Übergang
Pressepfarrerin
May 27, 2026
Die ersten warmen Tage sind da und überall heißt es: „Jetzt beginnt der Sommer.“ Dabei stimmt das gar nicht. Noch sind wir mitten im Frühling. Dass das Gespür für das Andere, weniger Eindeutige, für die Übergänge und oft auch das Gegenteilige verlorengeht, zeigt sich nicht nur in Gesellschaft und Politik. Es macht auch vor den Jahreszeiten nicht halt, weder kirchlich noch in der Welt. Die Karwoche gehört neuerdings bereits zum Osterfest. Man hat an Karfreitag frei, da färbt man Eier und zeigt sie her. Das Internet beginnt zu feiern. Dass der Ostersamstag der erste Samstag nach dem Ostersonntag ist, während der Tag davor Karsamstag heißt, gerät immer mehr in Vergessenheit. Überhaupt die Wochen von Aschermittwoch bis Ostern. In der katholischen Kirche werden sie Fastenzeit genannt und in der evangelischen, wie heißen sie da? Passionszeit, weil sie an das Leiden und Sterben Christi erinnern. Ja, richtig, da war doch was. An Weihnachten ist es nicht besser. Auch das kommt nicht Knall auf Fall, sondern wird sehnsüchtig erwartet: Im Advent, der eigentlich eine Bußzeit ist, dem stillen Warten geweiht. Statt dessen tönt es laut von fern und nah: Vorweihnachtszeit! Halli Galli auf den Weihnachtsmärkten, seit einigen Jahren regelmäßig schon vor Totensonntag. Etwas geht verloren, das mehr ist als die Vokabeln Passion, Frühling und Advent. Wer ins Schlaraffenland will, muss sich je nach Tradition durch einen Berg von Grütze essen. Erst danach kommen die Köstlichkeiten, erst dann für alle genug. Ohne Fleiß kein Preis, wusste schon der Volksmund. Und bis die Mücke an der Klatsche hängt, braucht es viel Geduld und Spucke. Umstandslos Gnade auszuteilen, ohne Umweg, ist Gott vorbehalten. Der Mensch hingegen vertilgt sein Brot im Schweiße harter Arbeit. Ich halte es für eine geistliche Übung, das Noch nicht, das Warten und sich Mühen zu betrachten und auszuhalten, bevor das Fest beginnt. Das hilft, der eigenen Bedeutung inne zu werden, die oft geringer ist, als man gerne hätte. Die eigene Geduld ist ein guter Maßstab dafür. Politische Extreme entspringen der Sehnsucht nach Eindeutigkeit. Für die jahreszeitlichen Abkürzungen, die nur noch Winter und Sommer und keinen Herbst und Frühling mehr kennen, nur noch Party, ohne Entbehrung, gilt vergleichbares. Jedesmal ist es eine Illusion. Selbst wenn ich den Weihnachtsbaum schon Mitte November aufstelle, bleibt es draußen trotzdem nass und kalt. Jedes Kind an der Kasse, die Quengelware unerreichbar vor Augen, musste lernen, diesen Widerspruch auszuhalten, bis es zu Hause ein Stück Schokolade gab. Die Notwendigkeit in diese Einsicht geht auch im Erwachsenenalter nicht verloren. Weder im Advent noch in der Karwoche noch im Frühjahr. Das ist nicht nur Glaubenssache, es gehört zur Lebensreife und letztlich auch zur Herzensbildung. „Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.“ Davor kann ich mich nicht drücken.
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