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Des Trolls Monsterhandbuch: Kynokephale – Hundsköpfige Heilige und Gnolle

did:plc:7ev2dekbcbn443ccb5fqleks May 4, 2026
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Quizfrage: Welcher Heilige ist das?

Christophorus als Hundsköpfiger, Ikone, 17. Jh., Kermira (Kappadokien), Byzantinisches und Christliches Museum, Athen Saint christopher cynocephalus – Christophorus – Wikipedia

Das, meine sehr geehrten Lesenden, das ist niemand anderes als der heilige Christopherus, allerdings hier auf einer um die 400 Jahre alten, orthodoxen Ikone. Die Darstellung hier ist bemerkenswert, wird doch der Heilige nicht als Mensch dargestellt, sondern als Kynokephale, als hundsköpfiger Humanoid. Ich bin ja selbst Katholik, in unserer Tradition wird Christopherus meist als Riese dargestellt.

Christopherus, so wie er auf der Ikone dargestellt wird, wirft ein paar interessante Fragen auf. Theologisch z. B. die Frage, ob das Heil bei Gott nur Menschen vorbehalten ist oder auch anderen Wesen, ob die eine Seele haben und ob die ebenfalls von der Erbsünde betroffen waren und durch Christos erlöst werden mussten. Da die schiere Existenz eines hundsköpfigen Heiligen dies für die Orthodoxie positiv beantwortet und die dürften auch am besten theologisch vorbereitet sein, wenn eines Tages die Menschheit auf Aliens trifft.

Nebenbei… Christopherus hier ist nicht der einzige hundsköpfige Heilige. Angeblich hatte der Apostel Thomas (der ungläubige) 2 Diener, die ihm bei seiner Missionsreise nach Indien begleiteten und die waren Kynokephale

Wunderwesen, Hunnen und ein Übersetzungsfehler

Wesen, halb Mensch, halb Hund, gibt es in der Vorstellung der Menschen schon ziemlich lange. Im Europäischen Raum kann man das bis etwa 700 v.Ch zu Hesiod zurückverfolgen, im Mittelalter wurden die Steppenvölker (wie Hunnen, Mongolen und die Türk-Völker) als hundsköpfig beschrieben, Ibn Battuta schreibt über sie, und auch in der Tang-Dynastie weiß man über hundsköpfige Wesen Bescheid. Weil die in aller Welt auftauchen, geht man mittlerweile davon aus, dass sich dahinter ein uralter Weltmythos verbirgt. Eine Geschichte aus der Stein- oder Bronzezeit. Aus einer Zeit, wo die Menschen begannen, die Welt und ihre Nachbarn zu erforschen.

Egal welche Aufzeichnung man zu Rate zieht: Die Hundsköpfigen teilen sich gewisse Merkmale. Sie …

  • leben alle irgendwo am Rand der Welt. Bei Strabon in Äthiopien, bei Ibn Battusa auf Sumatra, bei den Chinesen wohl auf den Kurilen, die Mongolen glaubten, sie lebten in Sibirien,
  • sie können keine (menschliche) Sprache sprechen, sondern sich nur per Bellen und Knurren verständigen,
  • Sie können friedliebend sein und sogar Handel treiben oder als blutrünstige Krieger ganze Landstriche terrorisieren,
  • fressen Fleisch und Fisch, ab und zu auch Obst und Wurzeln.
  • Und natürlich ihr Aussehen. Haarig, mit Hundekopf aber grundsätzlich menschlichem Körper.

Warum ist nun unser Christopherus in orthodoxen Darstellungen ein Kynokephale? Stammt er vom Rande der Welt? War er ein Riese (wie wir Katholiken glauben) oder gab es Kynokephale wirklich und die Orthodoxen haben mit ihrer Darstellung recht.

Über den Heiligen Chris wissen wir wenig, so wenig, dass er 1969 aus dem Calendarium Romanum Generale, dem Festkalender der katholischen Kirche, gestrichen wurde. Er starb entweder um 250 in Lykien oder 308 in Antiochia ad Orontem den Märtyrertod. Das wars schon. Alles andere, die berühmte Geschichte, dass er das Jesuskind durch die Fluten eines Flusses getragen habe, sind Legende.

Im Westen wurde irgendwann im 6.Jhdt aus dem Kynokephalen ein Riese, und im 10 Jhdt. wurde das dann durch Walther von Speyer kanonisiert. In den alten Überlieferungen stand genus canineorum, also dass Reprobus, wie Christopherus vor der Bekehrung hieß, aus dem Geschlecht der Hundsköpfigen stamme. Walther hiet das damals für einen tradierten Kopier- bzw. Übersetzungsfehler, es müssen, so seine Meinung, genus cananeus, aus Kanaan stammend, heißen.

Ich persönlich denke, dass Walther hier recht hatte und aus der der römischen Provinz Syria Palaestina stammte. Warum man aber Kanaan statt Syria Palaestina in der Heiligenlegende genutzt hat, erschließt sich mir nicht ganz. Könnte es sein, dass Chris aus Gaza stammte?

Hundeköpfige in der Fantasy – Von Gnollen und Kynokephalen

Verlassen wir den historischen Hintergrund und schauen wir in die Fantasy. Wenn ich da an Hundsköpfige denke, fallen mir als erstes die Gnolle ein. Jaaa, Gnolle haben Hyänenköpfe und Hyäenen sind näher mit Katzen verwandt als mit Hunden, aber ich lass mal fünfe grade sein und zähle die jetzt auch zu den Hundeköpfigen. Lasst uns ins Monster Manual von AD &D 4e aus dem Jahr 1979 schauen:

Gnolle sind dort echt ungemütliche Gegner. Sie sind immer in Gruppen unterwegs, die mindestens einen Hauptmann, bei mindestens 100 Gnollen, also einem Kriegszug, sind Häuptlige und Wachen dabei, die nochmal deutlich besser als die Normalversion sind. Mit 15% Wahrscheinlichkeit sind die sogar mit Zweihändern bewaffnet (1W10), sonst mit Schwertern (2W4), dazu Rüstung von 5 und im Durchschnitt 9 Trefferpunkte, der Häuptling hat im Schnitt 22 mit einer Rüstung von 3.

Interessant ist der Favor-Text. Gnolle verbünden sich mit Trollen, Orks, Hobgoblins, Bugbears, Oger. Sie leben meist unterirdisch, halten Sklaven als Diener und Futter und Hyänen als Haustiere, und haben grüngraue Haut und ne gelbliche Mähne. Sie leben nur 35 Jahre und sind Chaotisch Böse.

Da ist schon meine erste Kritik. Ja, das Monster Manual ist bald ein halbes Jahrhundert alt und damals gab es das Ultimative Böse, aber ich hätte heute ein Problem mit einer rein bösen Spezies, die alles angreift und frisst, was sich in ihren Weg stellt.

Das zweite, was mir so ein wenig aufstoßt ist, dass obwohl die Gnolle Hyänenköpfe haben, die wenig mit Hyänen gemein haben. Hyänen sind eigentlich matriarchalisch organsiert, die Weibchen sind deutlich größer und stärker als Männchen, haben einen (Pseudo)Penis. Und Hyänen leben sicher nicht unterirdisch, sondern in Savannen und Steppen.

Die beiden Kritikpunkte möchte ich im nächsten Kapitel angehen.

Schauen wir auch schnell nach Myranor. Myranor, für alle, die es nicht wissen, ist der Schwesterkontinent von Aventurien in der Welt des schwarzen Auges. Lange von Uhrwerk betreut, dann Jahre lang vergessen, nun unter der ELF-Lizenz zurück bei Uhrwerk. Im DSA4-Basisregelwerk für Myranor, Wege nach Myranor von 2011, sind ab S. 35 die Kynokephalen aufgeführt. Vom Aussehen her sind sie nach dem Bildchen, dass da dabei ist, typische Gnolle. Die große Besonderheit ist, dass diese myranischen Gnolle das Ergebnis eines Chimären-Experiments sind.

Auch vom Verhalten unterscheiden sich die Gnolle aus Myranor von ihrem D&D-Konterpart. Wo die D&D-Gnolle bösartige, gefährliche Killer sind, die nichts und niemanden fürchten, sind die Kynokephalen unterwürfige Diener mit starken Beschützerinstikt gegenüber Menschenkindern und allen Kindern befellter Spezies, was sie zu idealen Leibwächtern für die Familie macht. Auch sind sie nicht so aggressiv, sie schimpfen eher lautstark als ohne Rücksicht auf Verluste loszustürmen. Ihre größte Angst ist es, beim Ausführen der Befehle ihres Herren bzw. ihrer Herrin einen Fehler zu machen. Auf S. 36 findet man dann diesen Wertekasten, um daraus Charaktere zu generieren:

Kynokephalen

Generierungskosten: 9 GP

Fellfarbe (1W20): schwarz (1–4), grauschwarz (5–8), graubraun (9–12), rotbraun (14–16), erdbraun (17–20)

Fellmuster (1W20): helle Flecken (1–7), dunkle Flecken (8–14), helle Streifen (15), dunkle Streifen (16), kein Muster (17–20)

Augenfarbe (1W20): schwarz (1–6), braun (7–11), bernstein (12–14), gelb (15–16), grau (17–19), rot (20)

Körpergröße: 150 + 5W6 cm (1,55–180 Schritt)

Gewicht: Männer: Größe – 70 kg / Frauen: Größe – 65 kg

Eigenschafts-Modifikationen: MU –1, IN +1, CH –1, FF +1, KK +2 LE-Mod.: +10 LeP AU-Mod.: +12 AuP MR-Mod.: –4

Automatische Vor- und Nachteile: Dämmerungssicht, Natürliche Waffen (Biss 1W6+4 TP), Soziale Anpassungsfähigkeit / Fürsorglich 7

Empfohlene Vor- und Nachteile: Eisern, Gefahreninstinkt, Kräfteschub (KK), Tierempathie (Huftiere) / Blutrausch, Sklavenmentalität

Übliche Kulturen: Barbarisch, Bäuerlich, Städtisch Talente:

Keine Modifikationen Sonderfertigkeiten: Waffenloses Manöver Biss

Das gefällt mir schon sehr gut. Keine Mördermaschinen mehr wie in D&D, sondern vielschichtig, sogar mit ein paar interessanten, positiven Eigenheiten (die Fürsorglichkeit). Die Idee werde ich mir für die Überarbeitung merken!

InUnter dem Sternenpfeiler stehen auf S. 302 die Werte, wenn wir die Hundeköpfigen als Gegner nutzen wollen. Wie immer bei DSA werden die Werte für unerfahrene, erfahrene und Kynokephalveteranen angegeben. Schauen wir uns die Werte mal für einen erfahrenen Hundsköpfigen an:

Mu 13, KL 10, IN 16, CH 9, FF 12, GE 14, KO 14, KK 17

=> Mut im OK-Bereich, dafür sehr intuitiv und stark

AT 15, PA 13, DK S, TP 1W6+5 FK 18, RS 2, GS 8

=> Ja, erfahrene Hundsköpfige sind formidable Gegner. Hinzu kommen 36 LE und eine MR von 5.

Was mir beim Durchlesen der ganzen Hundsköpfigen aufgefallen ist… es gibt nur Hyänenköpfige! Und… Hyänen sind ja nicht mal in der Familie der Hundeartigen. Das ist schon sehr auffällig, daran muss gearbeitet werden!

Hundeköpfige neu interpretiert – Wie können wir Kynokephale im Rollenspiel verwenden?

Menschen sind schon besonders. Wir sehen uns in anderen Spezies wieder und schreiben ihnen Eigenschaften entsprechend unserer Moralvorstellungen zu. Hunde sind gut, Wölfe böse. Hyänen gierig und grausam, Hunde Treu und etwas doof usw. Bei meiner Interpretation der Kynokephalen möchte ich nicht in die Falle treten, in die AD&D bei den Gnollen reingetreten ist. Ich denke nicht, dass Wesen mit dem Kopf einer Hyäne von Natur aus Böse sind. Ich denke auch nicht, dass Wölfe besonders blutrünstig sind und so etwas wie ein Alphamännchen (ein besonders starkes, wildes, dominantes Männchen, dass alle Weibchen beglückt und alle Betas unterdrückt) in freier Wildbahn existiert (die These wurde schon längst widerlegt). Ich werde also meinen Hundsköpfigen positive wie negative Eigenschaften anlegen. Als Köpfe möchte ich natürlich Wolf, Hyäne und Hund anbieten, dazu Fuchs / Kojote bzw. Schakal (die ja in den verschiedenen realweltlichen Mythen als Trickster gelten), Rothund (ein Wildhund aus Indien), Mähnenwolf (weil der Flexitarier ist), Polarfuchs (um ein speziellen Hundeköpfigen für kaltes Klima zu haben) und Basenji (eine alte Hunderasse, die nicht bellt und als Hund aus dem Sudan das Gegenstück zum Polarfuchs findet.

Wähle bei der Erstellung eines Charakters zwei positive und zwei negative Eigenschaften passend aus.

Tabelle: Hundsköpfige Köpfe & Charakterzüge

Kopf eines … Positive Eigenschaften Negative Eigenschaften
Wolf familienorientiert, loyal, mutig, strategisch denkend, zäh, pflichtbewusst grausam, bedrohlich, rücksichtslos, unerbittlich, blutrünstig
Fuchs / Kojote / Schakal schlau, anpassungsfähig, gewitzt, erfinderisch, antiautoritär verschlagen, hinterlistig, opportunistisch, betrügerisch, eigennützig
Hyäne clanorientiert, matriarchal, durchsetzungsfähig, rollenfluid, sozial intelligent respektlos, frech, gierig, skrupellos, blutrünstig
Hund treu, loyal, empathisch, verlässlich, friedliebend unterwürfig, naiv, konfliktscheu, bequem, autoritätsgläubig
Mähnenwolf kompromisslos kooperativ, solidarisch, taktisch, selbstlos, hoch effizient individualitätsfeindlich, fanatisch, gnadenlos, außenfeindlich
Basenji unabhängig, stolz, intelligent, reinlich, aufmerksam dickköpfig, eigensinnig, kälteempfindlich, fordernd, schwer kontrollierbar
Rothund verspielt, gemeinschaftlich, flexibel, mutig, freundlich im Verband übermütig, konfliktfreudig, leichtsinnig, unterschätzt Gefahren
Polarfuchs ausdauernd, genügsam, leise, loyal gegenüber wenigen, überlebensklug emotional kühl, opportunistisch, distanziert, misstrauisch

Ich würde einen nach den Werten für Halborks in ALRIK / OSRIK erstellen. Infrarotsicht würde ich durch einen ausgezeichneten Geruch von 100 Fuß (also etwa 30 Metern) ersetzen und +10 Geräusche höhen für alle Klassen geben und den Kleriker durch Druiden ersetzen.

Fazit

Kynokephale bieten eine Menge Potential abseits der bekannten Gnolle. Diese alte Fantasy-Mythos-Idee sollte man wiederbeleben, schon um ein Gegengewicht zu den ganzen Katzenwesen zu haben. Als NSCs sollten sie, ähnlich wie die Orks in modernen Rollenspiel-Darstellungen, nicht nur Monster sein. Sie haben es verdient, auch als führsorgliche Wesen (wie in Myranor schon angedacht) oder als queere Wesen (Hyänenköpfige, mit Weibchen, die einen Pseudopenis haben, schreien ja nach einer Idee für eine explizit queere Fantasyspezies, die mit Geschlechterrollen spielt) oder als loyale Wesen dargestellt zu werden.

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