Des Trolls Monsterhandbuch: Not-Deer – Hirsche, Krankheiten und Reddit
Die meisten Monster, die hier so in meinem Monsterhandbuch auftauchen, sind alt. Mindestens 100 Jahre (der Gremlin), meist aber ein paar Jahrhunderte, wie die Schneemänner oder der Basilisk. Das Monster, das ich heute mal genauer unter die Lupe nehmen möchte, ist dagegen grade mal 14 Jahre alt und hat schon jetzt einen gewissen popkulturellen Einfluss. Das Tolle an dem Monster ist, dass man hier quasi in Real Time bei der Entstehung einer neuem mythologischen Gestallt zusehen kann. Also, schultern wir unseren Drilling und ab geht es in die Appalachen… ähhhh, ins Internet. Wir jagen heute Not Deers!
Vom Meme zum Monster
Laut cryptidz.fandom.com beginnt unsere Reise im Jahr 2012 auf r/Hunting, in dem der Nutzer kilroydacat eine ganz komische Begegnung beschreibt:
Hallucination while hunting, any one know what this is? this is hard to describe but in brief, last hunting season, thanksgiving weekend, I was posted up in my blind. After about thirty minutes I saw a pretty nice doe walk up to the feeder. I watched it for about five minutes giving it a chance to change its mind about the food provided. I then took aim and shot. the deer dropped. as I got out of my blind and started to walk over to the dying deer I started to get a strange sensation. something like apprehension. the sensation grew stronger with each step I took. When I got to the deer and pulled my knife my personal identity disappeared. I didnt know who I was, everything seemed „new“. the apprehension turned to paranoia/fear. I felt like an ominous presence was watching me. I turned around back to the blind to see if „I“ was in the blind taking aim at myself. in short I felt like I became the deer. When I noticed I wasnt in the blind my mind sort of snapped back. I then checked for a heart beat and pushed the knife into the heart. The deer tensed then relaxed. At the same time the hallucination completely stopped. This wasnt my first time hunting. I wasnt drinking and wasnt on any drugs. I have no history of schizophrenia or any other mental disorders. I do have occasional vasovagal responses. I wasnt sleep deprived or sleepy or tired at all. It wasnt CO poisoning. Any one have any ideas what this could have been?
Gut, mit dem Not-Deer, das wir dann später bekommen, hat das noch wenig zu tun, dass muss aber bei einigen Lesern resoniert haben. Ideen brachen eine Weile, um sich zu entwickeln. Sie müssen erst im Hirn reifen, mit Fantasie gefüttert und mit ´Ängsten großgezogen werden, sie müssen wie ein Pfannkuchen gewendet werden, bevor sie zu etwas neuem, größeren werden. Sprich, es hat dann gut 4 Jahre gedauert, bis dann die Idee wieder aufgegriffen und weiterentwickelt wurde, diesmal auf r/cryptozoology und r/paranormal. Spätestens 2021 war dann die Entwickung abgeschlossen, als das Not-Deer einen Eintrag im SCP-Wiki bekommen hat und seither die Nummer 6448 trägt.
Für alle, die nicht wissen, was die SCP-Fundation ist: Unter welchem Stein lebt ihr denn?
Die SCP-Fundation ist auch so ein Meme, ein Internet-Schreibprojekt, an deren Entstehung hunderttausende Autoren beteiligt sind, die seit 2008 Einträge zu fiktiven Monstern verfassen, die von einer fiktiven Organisation, gejagt, gefangen, untersucht und klassifiziert werden. Ein Meme, das Memes gebiert, die schon zu der Entwicklung von Computerspielen führten. Ein Versuch, kosmischen Horror begreifbar, handhabbar, beherrschbar zu machen, der aber bei vielen Monstern zum Scheitern verurteilt ist. Unser SCP 6448 hat die fiktive Klassifikation Containment Class: Keter (das Ding läuft frei rum) Disrupting Klass keneq (Not-Deers stammen aus den Appalachen, Amerikas Arsch der Welt), Risk Class warning (erklärt sich von selbst. Not-Deer ist potenziell gefährlich)
Was ist dran am Not-Deer?
Nix, es ist ein Meme
Nun wirds aber an der Zeit, mal zu beschreiben, was ein Nicht-Deer ist, wie es aussieht und sich bewegt. Ich greife dabei auf das cryptidz-Wiki zurück:
**Anatomy **
Not deer are described as uncanny looking creatures that appear to resemble deer, but something is off about them, either in appearance or behaviour. However, beyond this, descriptions of not deer vary wildly, with different accounts mentioning different anatomical abnormalities.
Some examples of these abnormalities include: double jointed limbs, unusually long limbs, joints that bend in the wrong direction, a barrel-like chest, forward-facing eyes, multiple eyes, malformed antlers and cow-like heads. The forward-facing eyes appear to be the most consistently mentioned feature; forward-facing eyes are a feature usually seen in predatory animals.
**Behavior **
Not deer are notable for strange, un-deerlike behaviour, such as adult deer moving clumsily like newborns, aggressive or bold behaviour around humans, self-injurious behaviour and walking on their hind legs. Not deer are usually not afraid of humans, and may approach or even attack humans.
Das Not-Deer ist also ein Ding, das grob wie ein Deer (hier sind Weißwedelhirsch (Bambi!); Sikahirsch; Rothirsch, Rentier, Elch und Wapiti gemeint) aussieht, aber durch bestimmte Merkmale (Gelenke an Stellen, wo keine sein sollten, massive Geweihe, nach vorne gerichteten Augen und ein Maul voller Zähne irgendwie falsch aussehen und auch ein ganz komisches Verhaltensmuster Zeigen (wozu der aufrechte Gang zählt).
Kurz: Du erkennst, dass du es mit einem Not-Deer zu tun hast, weil das Ding vor Dir so fundamental von deiner Vorstellung eines Deers abweicht, dass du dich unwohl fühlst. So als ob du aus deiner Realität gefallen bist.
Mehr als man glaubt, es ist Teil der Mythologie
Das Not-Deer ist der Wendigo des weißen Mannes
In Amerika gibt es noch 2 weitere Wesenheiten, die unserem Not-Deer ähnlich sind.: der Wendigo der Algonquin (aus dem Norden der USA, Quebec und Ontario) und der Skinwalker der Navajo (aus dem Süden der USA). Die 3 Monster mischen sich seit den 2010 fröhlich durch, werden in Spielen und der Popkultur synonym verwendet (hier der Link zu einem Let’s Play des Spieles Not Deer Stew, bei dem es fälschlicherweise in der Beschreibung heißt, man jage einen Wendigo) obwohl dahinter komplett unterschiedliche Konzepte stehen.
Wendigos sind böse Geister, die über dich besitz ergreifen, sobald du im Winter, der Zeit des Hungers, der Versuchung unterliegst, Mensch zu fressen. Sie sind eine Warnung vor den Gefahren von Kälte und Hunger, eine Mahnung, sich nicht selbst zu verlieren. Hier der Link zu einer Geschichte über Wendigos. Das Wendigos heute als menschenähnliche Wesen mit skelettiertem Hirschkopf dargestelt werden, da gebe ich den Witcher-Spielen die Schuld. Genauso sehen im Spiel die Leshy aus.
Skinwalker sind Medizinmänner, die verbotene Magie anwenden, jemanden getötet oder gegen Regeln der Gemeinschaft verstoßen haben und nun als Gesetzlose außerhalb des Stammes leben. Sie können sich in Tiere verwandeln (die sich auch etwas steif bewegen), ihre menschlichen Augen bleiben aber in dieser Form erhalten.
Wendigo und Skinwalker sind an und für sich schon zwei total unterschiedliche Konzepte. Seit den 2000ern, der Zeit, in dem diese Ideen hinter den Beiden und auch deren Namen publik geworden sind und durchs Netz geistern, werden die aber immer wieder in einen Topf geworfen und Synonym verwendet. Aus dem gleichen Topf mit Mythen bedient sich auch das Not-Deer. Bei dem geht es aber mehr um die Entfremdung des Menschen mit den Wesen der Natur und einem heiligen Schrecken vor den Dingen da draußen, die am Rande unserer Zivilisation warten. Ich gehe davon aus, dass keiner, der am Meme Not-Deer beteiligten Autoren einem indigenen amerikanischem Volk angehört.
Ist das kulturelle Aneignung und ist das was Verwerfliches? Gute Frage. Es ist ein Meme. Natürlich werden hier indigene Ideen mitverwurstet, verwässert und sind kaum mehr erkennbar, aber die Idee entwickelt sich weiter, verbreitert sich, wird universaler und Teil der Geschichten (hier: Horrorgeschichten), die sich Menschen weltweit erzählen. Ob das was Schlechtes ist, das kann ich wirklich nicht sagen.
Alles, es ist Teil der Umwelt
In diesem Universum gibt es nur wenig, was so schrecklich ist wie Mama Natur. Das Not-Deer ist ein Beweis dieser These. Klar, es ist fiktiv, aber es gibt in der Realität ein paar Vorbilder für das Ding, das aussieht, wie etwas, dass ein Hirsch sein soll, es aber nicht ist. Fangen wir mit den beiden harmlosen Dingen an.
Mannheimia granulomatis ist ein Bakteruim, dass Hirsche befällt und zu einer chronischen Entzündung der Schnauze und der Nase führt. Das Gewebe schwillt stark an und verändert dadurch die Gesichtszüge. Für die betroffenen Tiere ist das unangenehm, aber nicht tödlich. Man nennt die dann Bullwinkle Deer.
Perückenböcke (im englischen Cactus Deer) sind Böcke (männliche Hirsche), die Verletzungen am Hoden haben und nicht genügend Testosteron für ein normales Geweihwachstum bilden. Heraus kommen echt wilde, krankhafte Geweihformen. Kann man in jedem besseren Jagdmuseum oder Schloss bestaunen.
Jetzt wirds schon ungemütlicher: die Epizootische Hämorrhagie der Hirsche sieht optisch aus wie die Blauzungenkranheit, Hirsche können befallen werden, aber nur beim Weißwedelhirsch bricht sie voll aus. Die Krankheit führt zu einer blauen Zunge, weil zu wenig Sauerstoff im Blutkreislauf ist. Zu wenig Sauerstoff ist im Blutkreislauf, weil es zu inneren Blutungen im Gewebe kommt (was wiederum die Gelenke anschwellen lässt). Die Krankheit kann ausheilen, die betroffenen Hirsch lamen jedoch danach.
Mir, der BSE Anfang der 2000 erlebt hat, jagt die nächste Geschichte einen Schauer den Rücken hinunter: CWD (Chronic Wasting Disease), auch die Zombie-Hirsch-Krankheit genannt. Das Hirn der betroffenen verwandelt sich in einen Schwamm, sie verlieren Gewicht, laufen im Kreis, verhalten sich seltsam und die Krankheit ist hoch ansteckend (ín Gehegen erkranken alle anderen Hirsche daran, in Freiheit immer noch 10 % der Herde). Wenn ihr mich fragt, dann ist das die wichtigste Inspiration für den Not-Deer diese Krankheit. Die ist auch schon seit Anfang der 80ger bekannt und um 2016 rum trat sie dann bei Rentieren in Skandinavien auf. Zeitlich passt es also.
Und dann war da auch noch die Geschichte vom Hirsch, der Menschenknochen fraß. Die Geschichte ist von 2016, 2017. Damals hat eine Wildkamera auf einer Body Farm einen Weißwedelhirsch erwischt, wie er an den Knochen eines dort zu forensischen Zwecken ausgelegten menschlichen Leichnams. Die Bilder dazu gingen damals um die Welt, es war der erste Fall von Hirschen, die menschliche Überreste fressen. Für so manches Stadtkind brach damals wohl eine Welt zusammen: Bambi liebt Dich, es hat dich zu fressen gern.
Wer aber in Bio aufgepasst hatte oder irgendwie vom Land kam, für den war das jetzt nicht soooo was neues. Hirsche fressen ab und zu auch mal Mäuse, Eidechsen, Küken oder nagen an Knochen rum. Die machen das vor allem wegen den Calcium und den anderen Mineralien, die in Knochen und Fleisch zu finden sind. Hirsche sind da nicht alleine im Tierreich, auch die süßen Eichhörnchen gönnen sich ab und an mal ein frischgeschlüpftes Vogeljunges, Schweine fressen sowieso alles, was vor ihren Rüssel kommt und wenn eine Maus blöd genug ist, vor den Schnabel eines Huhns zu laufen… Schneeschuhhasen z.B. lassen sich, sollten sie im Winter einen Kadaver eines Luchses, ihres ärgsten Fressfeindes, finden, eben jenen gut schmecken und vierteiligen ihn gar gegen andere Hasen.
Nicht-Hirsche, böse Schafe und Carni-nchen
Hmmm… wo habe ich das schon mal gesehen: Einen Hasen, der Fleisch frist… Natürlich! Die berühmte Szene aus Monthy Python and the Holy Grail! Und schon sind wir bei anderen Tieren, auf die wir die Muster, die man beim Not-Deer vorfindet, übertagen kann. Komisches Aussehen, abnormales Verhalten, messerschafre Zähne und einen Appetit auf Mensch. Zu den Tieren zählt neben Kanickel auch Schaf (Black Sheep) und Einhorn (Death of a Unicorn). Der Vollständigkeithalber sei noch mal Bambi genannt, immerhin gibt es einen Horrorfilm,der sich mit dem Hirsch beschäftigt (Bambi: Reckoning).
All diese Filme haben ein paar Gemeinsamkeiten: Das Biest, dass da plötzlich beginnt, Menschen zu jagen, ist eigentlich was ganz harmlosen. Ein Pflanzenfresser. Als ich das hier ausgearbeitet habe, habe ich mich an einen Term erinnert, der gut zum Not-Deer, und auch zu allen anderen Not-Viechern, passt: mundus inversus. Die Idee spukt in der europäischen Kulturgeschichte seit mindestens dem Mittelalter, wenn nicht sogar der Antike rum. Dabei geht es um eine Welt, in der die Gesetze unserer Welt auf den Kopf gestellt werden. Ochsen, die mit Bauern pflügen, Flüsse bergwärts fließen und… Hasen Jäger schießen. Das ist es. Das ist der Kern all dieser Nicht-Tiere. Die Nicht-Tiere, vom Not-Deer über die fleischfressenden Schafsrudel zum Killerkaninchen stellen die Realität, die Welkt, die göttliche Ordnung auf den Kopf! Darin liegt der ganze Horror.
Wie können wir die Viecher im Rollenspiel einsetzten?
Gehen wir nochmal zurück zum Not-Deer.
Das Wesen lebt in den Appalachen. Am Rand der Welt, in der Wildnis.
Wenn wir Nicht-Tiere einsetzten, dann in Wildnis-Szenarien. Die Bevölkerung der nächsten Siedlung weiß nichts davon, weil es wie ein normales Tier der hier lebenden Population aussieht. Die nächste Siedlung ist so weit weg, dass bei Begegnung mit dem Nicht-Tier eine Flucht in die Zivilisation nicht in Frage kommt.
Hirsche sind Beutetiere. Jeder mit Gewehr und einigermaßen Erfahrung kann sie jagen.
Wir Spielleitungen tendieren ja dazu, unsere Wildnis mit besonderen Monstern vollzupacken. Drachen, Greife, Riesen, Eulenbären… you name it. Wenn wir Nicht-Tiere einsetzen wollen, müssen wir erst eine normale, langweilige Wildnis präsentieren und die normalen Tiere der Spezies als leichte Beute einführen. Lassen wir also die Charaktere ruhig 2, 3 mal einen normalen Hirsch schießen.
Wenn man auf ein Not-Deer trift, merkt man das, weil alles an dem wesen falsch oder verzogen aussieht. Es stellt unsere Realität durch seine bloße Existenz auf den Kopf.
Mundus inversus. Wenn ich als Spielleitung ein Nicht-Tier einführen will, muss die ganze Erscheinung die bisher sicher geglaubte Welt der Charaktere erschüttern. Realitäten in Frage stellen. Ich glaube daher, dass Nicht-Tiere vor allem in realitätsnahen Settings, die auf Planet Erde spielen. Vaesen? CoC? Eventuell. Aventurien? Definitiv nicht.
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