Warum Sie bei E-Bikes von chinesischen Herstellern aufpassen sollten – ein Erfahrungsbericht
Seit geraumer Zeit bietet sich mir immer wieder die Gelegenheit, E-Bikes zu testen und meine Erfahrung mit ihnen zu teilen. Manchmal darf ich das ein oder andere Rad als Dauerleihgabe behalten (vermutlich, weil der Rückversand und die Abwicklung den Aufwand nicht wert wären) und privat nutzen.
Wenn Sie auf der Suche nach einem E-Bike sind und sich online auf einschlägigen Plattformen informieren, heißt es in der Regel, dass Sie sich von chinesischen Herstellern fernhalten sollten. Nicht, weil sie qualitativ minderwertig wären, sondern weil Wartung und Reparatur im Fall der Fälle zum Krampf werden könnten.
Das große Problem ist nämlich, dass die allermeisten Fahrradläden und -werkstätten wirklich nichts mit chinesischen Herstellern anfangen können, wenn ein Problem über die Mechanik hinausgeht.
Wenn die Elektronik streikt, also der Elektromotor, der Computer, der Akku oder das Batteriemanagement, dann hapert es in der Regel an der Ersatzteilbeschaffung. Denn im Gegensatz zu Systemen bekannter Hersteller wie Bosch, Shimano oder Yamaha ist das Händlernetz von chinesischen Herstellern hierzulande entweder überhaupt nicht ausgebaut oder zumindest sehr, sehr schlecht. Und dann müssen Sie sich selbst um Beschaffung und Wartung kümmern.
Wie nervig das ist, musste ich kürzlich am eigenen Leib erfahren.
Eugen Wegmann
Die Fehlersuche
Mein aktuelles Alltagsrad ist kein Jahr alt. Für den Winter hatte ich es im Fahrradkeller meines Wohnblocks eingemottet und den Akku mit in meine Wohnung genommen, wie es grundsätzlich empfohlen wird.
Im Frühjahr machte ich das Rad dann wieder fahrtüchtig, lud den Akku voll auf und fuhr eine Weile damit herum, bis eines Tages mitten in der Fahrt der Motor ausging. Nach Hause gestrampelt, den Akku aufgeladen, und bei den nächsten Fahrten beobachtet.
Dann kristallisierte sich das Problem langsam heraus: Die Akkuanzeige steht dauerhaft bei 100 Prozent und rührt sich nicht vom Fleck. Ich muss also immer grob abschätzen, wann ich den Akku das nächste Mal laden muss, wenn ich nicht Gefahr laufen wollte, wieder mehr zu strampeln als notwendig. Und die Anschiebehilfe funktioniert auch nicht.
Aus Neugier bin ich dann zur Fahrradwerkstatt um die Ecke gegangen, um mich nach den Optionen zu erkundigen. Auf Nachfrage erklärte man mir, dass ich, wenn ich handwerklich nicht komplett auf den Kopf gefallen bin, mich am besten selbst darum kümmern sollte.
Die Werkstatt würde aus Mangel an direkten Ansprechpartnern auch nur über den Kundensupport des Herstellers gehen und für diesen Mehraufwand viel Geld verlangen.
Odyssee mit dem Kundenservice
Also wandte ich mich per E-Mail (wie denn sonst) an den Kundensupport. Die Konversation begann entweder mit vorgefertigten Antworten oder mit einem KI-Agenten, der weitere Informationen von mir haben wollte: das konkrete Fahrradmodell, ein Foto oder Video des Problems und die Seriennummer des Rahmens, um einen etwaigen Garantiefall zu prüfen.
Es folgte eine Kette weiterer Anweisungen, um das Problem weiter einzugrenzen. Nach drei automatisierten Fragerunden und keiner Lösung schaltete sich endlich ein echter Mensch in die Konversation ein, um das weitere Vorgehen zu besprechen.
Nach drei weiteren, diesmal persönlichen Fragerunden zur weiteren Eingrenzung des Problems erhielt ich nach insgesamt drei Wochen schließlich Hinweise zur möglichen Fehlerursache und deren Behebung: Das Display sei defekt und müsse ausgetauscht werden. Allerdings sei lokal kein Ersatzteil verfügbar, sodass zunächst im näheren Ausland nachgefragt werden müsse.
Eine Woche später folgte die nächste Ernüchterung: Auch dort waren keine passenden Teile aufzutreiben. Schließlich hieß es, man müsse die Komponenten aus Übersee bestellen – mit einer Lieferzeit von ein bis zwei Monaten.
Komplett untätig dasitzen wollte ich in der Zeit aber auch nicht. Chinesischer Hersteller? Da muss es doch was bei AliExpress geben. Notfalls mach’ ich das eben in Eigenregie. Aber Pustekuchen: 100 verschiedene Displays, Computer und Controller, aber keinen, der auch nur ansatzweise dem entspricht, der in meinem E-Bike verbaut ist. Nun gut. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als auf den Support zu vertrauen. Ich warte noch bis August, und wenn sich bis dahin nichts getan hat, frage ich noch einmal nach.
Chinesische E-Bikes – hopp oder topp?
Heißt das jetzt, dass Sie grundsätzlich E-Bikes chinesischer Hersteller vermeiden sollten? Nicht unbedingt. Es kommt darauf an, wie geduldig Sie sind, wie viel Eigeninitiative Sie bereit sind, zu zeigen, und wie handwerklich geschickt bzw. motiviert Sie sind. Wenn Sie sich keine Gedanken um Wartung und Reparatur machen wollen und Ihren Drahtesel in die Werkstatt geben, wenn etwas kaputtgeht, halten Sie sich am besten an bewährte Hersteller.
Wenn Sie hingegen kein Problem damit haben, mal selbst Hand anzulegen und notfalls einen Monat zu warten, bis der Kundenservice ein Ersatzteil aufgetrieben hat, können Sie bei E-Bikes chinesischer Hersteller inzwischen nicht mehr viel falsch machen. Grundsätzlich habe ich mit den bisherigen Modellen immer gute Erfahrungen gemacht, wenngleich mir mal das Design überhaupt nicht gefallen hat oder ich den Sinn von faltbaren Fatbikes einfach nicht verstehe.
Discussion in the ATmosphere