External Publication
Visit Post

Nur kurz mal weg...

Mona Gruber July 3, 2026
Source

Da bin ich wieder ─ mit einem Gedanken, den ich mit dir teilen möchte.

Heute geht es mir um ein Thema, das mich schon seit vielen Jahren immer wieder beschäftigt. Es ist nicht viel. Eine Kleinigkeit nur. Und trotzdem sehr wertvoll. Denn, wenn du darum weißt, dann landest du zumindest nicht deswegen bei meinen KollegInnen oder mir in der Trauerbegleitung. Das ist einmal ein kryptischer Anfang. Au weia.

Also ─ um was geht es?

Wenn du jemanden liebst, dann willst du nicht, dass der Mensch, den du liebst, alleine sterben muss. Du willst bei ihm sein.

So viel zur Theorie.

Das Dumme ist nur, dass sich der Tod nicht planen lässt. Und der Zeitpunkt auch nicht. Wenn wir von Suizid einmal absehen. Ich habe so viele liebevolle Angehörige kennenlernen dürfen, die rund um die Uhr bei ihren Liebsten waren. Sie nicht alleine gelassen haben. Sie gepflegt und umkümmert haben. Und dann sind sie nur ganz kurz einmal auf die Toilette gegangen. Oder haben sich einen Kaffee geholt. Haben den Pflegedienst hereingelassen. Haben kurz das Krankenhaus verlassen, um sich einmal auszuschlafen, zu duschen und sich umzuziehen. Du ahnst schon, auf was ich hinauswill.

Genau dann ist der geliebte Mensch gestorben. Ausgerechnet dann.

Und als nächstes kommen sie. Die W-Fragen: „Warum musste ich mir genau dann einen Kaffee holen?“ „Wie konnte ich ihn oder sie nur so im Stich lassen?“ „Wieso durfte ich mich nicht verabschieden?“ „Wieso ausgerechnet jetzt?

Wir haben uns das doch ganz anders vorgestellt. Wir fühlen uns schuldig. Wir sind traurig. Wir sind enttäuscht. Hilflos. Machtlos.

Und es nagt. Und nagt. Und nagt.

Ich habe das oft beobachtet. Und ich bereite die Angehörigen immer darauf vor, dass das passieren kann. Und dass das nichts mit Schuld zu tun hat. Sondern fast immer mit Liebe. Wenn die Liebe zueinander sehr stark ist, dann fällt es schwer loszulassen. Selbst wenn wir es wollen. Da ist so viel Liebe im Raum. So viel Nicht-Gesagtes.

Wir SterbebegleiterInnen bitten die Angehörigen oft kurz vor die Türe. Nur ganz wenige Minuten. Um den Sterbenden die Chance zu geben, loszulassen und zu gehen. Den Zeitpunkt selbstbestimmt zu wählen.

Und ja. Ich habe den Eindruck, dass die Sterbenden selbst wählen, wann sie gehen. Und ob sie alleine oder begleitet gehen. Das ist eine Frage der Liebe. Und eine Frage der Würde. Und eine Frage der Angst. Ob sie das bewusst oder unbewusst tun ─ das wage ich nicht zu beurteilen.

Der Moment des Todes ist genauso intim, wie der Moment der Geburt. Und meist genauso „heilig“. Es ist eine Ehre einen solchen Moment teilen zu dürfen. UND es ist schwer. Vielleicht ist es eine Gnade, wenn dir die Entscheidung abgenommen wird. Du wirst damit leben. So oder so.

Einfacher lebt es sich, wenn du nicht damit haderst. Und es als einen Akt der Liebe annehmen kannst.

Gerade hat es heftig geregnet. Nach der Hitze der letzten Tage ist das eine echte Erholung. Ich habe alle Fenster weit geöffnet.

Ich geh jetzt leben. Und du?

Herzliche Grüße Mona

Discussion in the ATmosphere

Loading comments...