Apple und die EU: Wer hat den Schwarzen Peter?
Am Montagabend, so gegen 21 Uhr, sah ich mein iPhone 15 an und es sah sehr traurig zurück. Denn das, was Apple mit der neuen Siri AI im Speziellen und im Allgemeinen mit der verbesserten Apple Intelligence gezeigt hatte, gefiel mir so gut, dass ich beinahe sofort ein iPhone 17 Pro bestellt hätte, wäre ich nicht mit Tickern beschäftigt gewesen.
Denn auf die neuen Funktionen würde ich ungern warten, bis es das iPhone 18 Pro in Dunkelrot ab September geben würde, zu überzeugend präsentierte Apple Siri AI, insbesondere die fortschrittlichsten Funktionen wie die Einstellmöglichkeit für die Sprachausgabe der endlich schlauen Siri.
Was dann aber mit meinem iPhone 15 machen? Nun gut, einfach behalten und vielleicht auch das iPhone 18 Pro überspringen, weil, wie Craig Federighi beinahe im nächsten Atemzug erklärte, es Siri AI nicht auf in der EU betriebenen iPhones geben werde, aus regulatorischen Gründen. Später sei das möglich, man arbeite hart daran, zu einer Lösung zu kommen. Das sagte Apple aber auch schon vor etwa zwei Jahren zum Thema iPhone Mirroring und passiert ist nach wie vor nichts.
Vorwürfe gen Brüssel
Wenig später am Abend erklärte sich Apple zum Thema und gab der EU-Kommission die Schuld, speziell dem Digital Markets Act (DMA). Dieser fordere Apple dazu auf, konkurrierenden KI-Assistenten so weitgehenden Zugriff auf iPhones und iPads zu geben, dass die Daten der Anwender in höchste Gefahr geraten, denn anderen künstlichen Intelligenzen als der von Apple mit ihren lokal laufenden Modellen und den sicheren Verbindungen zu Servern (Private Cloud Compute) könne man ja nicht trauen. Und die EU habe einen Vorschlag abgelehnt, binnen 18 Monaten eine Schicht in das System zu ziehen, um die Software der Konkurrenz auf dem iPhone nutzbar zu machen, dabei aber keine Daten zu kompromittieren. Daher habe man keinen Zeitplan für Siri AI in der EU.
Oder vielleicht doch, dachte ich mir: Am St. Nimmerleinstag werde Apple endlich iPhone-Mirroring und Siri AI in die EU bringen.
Tags darauf reagierte die EU-Kommission auf unsere Nachfrage zum Thema und schob Apple den Schwarzen Peter wieder zu. Sinngemäß heißt es da, dass Apple jederzeit gesetzeskonforme Software in der EU einführen könnte, also als Gatekeeper einer Plattform dafür Sorge tragen müsse, dass Software Dritter darauf genauso funktioniere wie die eigene, die Apple nach dem DMA eben nicht bevorzugen dürfe. Das gelte auch für KI-Dienste, zum Schutz des Wettbewerbs. Apple habe keine „Vorschläge für DMA-konforme Interoperabilitätslösungen entwickelt.“
Einer lügt? Nein, beide Darstellungen dürften sehr wohl der Wahrheit entsprechen – Apples Vorschläge erfüllen aus Sicht der Kommission die gesetzlichen Vorgaben eben nicht. Die Verhandlungen laufen weiter, auch wenn es nicht so aussieht, dass Apple seine Grundhaltung bezüglich des DMA ändert.
Das Für und Wider der Regulierung
Verständlich, dass Apple die Konkurrenz von OpenAI, Anthropic, Microsoft und Google nicht so tief in sein System lassen will, wie es die neue kontextsensitive Siri erfordert. Indes hatte Apple seit der vollmundigen Präsentation der neuen Siri vor zwei Jahren erfahren müssen, dass es alleine nicht weiterkommt. Google ist mit seinen Gemini-KI-Modellen jetzt ganz tief drin in Apples System und die für das Private Cloud Compute aufgestellten Server sind gewiss auch nicht alle von Apple, angeblich soll auf denen Googles sogar Hardware von Nvidia verbaut sein.
So klingt es nicht komplett glaubwürdig, dass Apple nur unter Aufgabe seines strengen Datenschutzes und der Privatsphäre der Anwender eine zum DMA konforme Lösung für EU-Bürger umsetzen könnte.
Mir klingt das eher wie eine Retourkutsche, ganz nach dem in den USA mittlerweile herrschenden Zeitgeist, dass Regeln, wenn überhaupt, nur für andere gelten. Schon gegen das von Apple verhasste Sideloading, also die Verpflichtung, in der EU alternative App Stores und Bezahlmethoden zuzulassen, hatte Cupertino mit Sicherheitsbedenken argumentiert.
Alternative App Stores spielen jedoch weiterhin kaum eine Rolle, sonderlich viele Einnahmen sind dem iPhone-Hersteller nicht entgangen und von kompromittierten Apple Accounts oder organisiertem Betrug haben wir auch noch nichts gehört. Stattdessen passiert es leider immer wieder einmal, dass der App Store sein hohes Sicherheitsversprechen nicht einhalten kann, wenngleich etwaige betrügerische Apps und Entwickler immer zügig aus dem Angebot entfernt werden, sobald sie enttarnt sind.
Ein zweites Beispiel: Apple muss in der EU die Browser-Engines von Dritten zulassen. Da der Konzern das aber nur in der EU freigeschaltet hat, entwickelt niemand einen Browser nur dafür. Zur Option, die Standard-Apps auf dem iPhone ändern zu können, hat ebenso die EU Apple gezwungen – das Feature gibt es aber mittlerweile weltweit, wenn auch mit Einschränkungen. Ich gehe aber weiterhin davon aus, dass der überwiegende Teil der Nutzerschaft bei Safari, Mail und Kalender bleibt, obwohl das auf diese Weise geöffnete iPhone auch aus Sicht von US-Verbrauchern das bessere sein könnte.
Hatte sich Tim Cook nicht schon für strenge Regulierung von Big Tech ausgesprochen und dabei insbesondere die DSGVO der EU gelobt? Das ist ja kein Widerspruch zur Ablehnung des DMA, der vorrangig dem Wettbewerb dienen soll. Hier wünscht Apple eben keine Regulierung. Apples Argument ist auch gar nicht so weit hergeholt, dass es sehr wohl Wettbewerb zwischen den Anbietern gebe und wer kein iPhone hat, zwar kein iPhone hat, aber dabei keineswegs auf ein Smartphone verzichten muss.
Dennoch hinterlässt Apples Haltung gegenüber der EU und ihrer Regulierung einen faden Nachgeschmack, als wolle man die Kommission erpressen: „Wenn Ihr uns nicht machen lasst, wie wir wollen, dann bekommen Eure Bürger eben unsere fortschrittlichsten Technologien nicht!“ Erpressung mag zwar in den USA ein populärer Politikstil geworden sein, von Apple waren wir aber etwas anderes gewohnt.
Ich kann nur hoffen, dass ich mich täusche, Apple eben nicht bockig ist und auch die Kommission nicht stur, aber besonders optimistisch bin ich in Sachen Siri AI in der EU nicht. Das freut nur mein iPhone 15, das jetzt noch ein wenig länger bei mir bleiben darf.
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