Auf allen Kanälen: Bereit für den dritten Weltkrieg
Ein geheimer Zirkel aus Milliardären, Spitzenpolitikerinnen, Generälen, Wissenschaftlerinnen und Meinungsführern trifft sich hinter verschlossenen Türen, um den Lauf der Welt zu steuern – das klingt wie der Plot eines zweitklassigen Verschwörungsthrillers. Seit rund einer Woche sorgt nun aber eine geleakte Namensliste mutmasslicher Mitglieder des Netzwerks Dialog für reichlich Aufregung in den globalen Medien. Denn was die Liste sowie weitere geleakte Dokumente über das Netzwerk offenbaren, kommt dem skizzierten Illuminati-Szenario näher, als einem lieb sein kann.
Gegründet wurde Dialog 2006 vom rechtslibertären Techmilliardär Peter Thiel, einem der einflussreichsten Strippenzieher des Silicon Valley und engen Verbündeten Donald Trumps. Bisher war kaum etwas über die Organisation bekannt. Die Mitgliedschaften blieben geheim, die mehrtägigen Treffen fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, sämtliche Gespräche sind streng vertraulich. Getagt wird in luxuriösen Hotels.
Die Schweizer Hacktivistin
Ins Rollen brachte die Affäre vergangene Woche die Schweizer Hacktivistin Maia Arson Crimew. Sie veröffentlichte auf Bluesky eine Liste mit 113 Mitgliedern des Eliteklubs und spielte die Daten dem US-Technologiemagazin «Wired» zu. Dieses wertete die Unterlagen aus und ergänzte sie mithilfe einer zweiten Quelle um weitere Dokumente, darunter die Anmeldedaten von knapp 200 Teilnehmer:innen des diesjährigen Treffens in der Nähe von Dublin sowie interne Programmunterlagen.
Auf der Agenda des für den 12. bis 16. August anberaumten Treffens stehen Themen wie künstliche Intelligenz, Geopolitik oder Zukunftstechnologien. Daneben finden sich Programmpunkte mit Titeln wie «Bring Back Nuclear», «Navigating WWIII», «Build a Cult» (moderiert vom Gründer der christlichen Netzwerkplattform Pray.com) sowie «Build a Party» (geleitet von einem ehemaligen Sicherheitsberater des Weissen Hauses).
Die Mitgliederliste dürfte derweil manch einen anderen Geheimklub vor Neid platzen lassen. Es finden sich darauf Elon Musk, der Trump-Schwiegersohn Jared Kushner, US-Senator Ted Cruz, der oberste Nato-Kommandeur in Europa, ein ehemaliger Chef eines Nahostgeheimdiensts, mehrere Vertreter der Trump-Regierung sowie Intellektuelle wie der Psychologe Steven Pinker. Vertreten sind auch Google-Mitgründer Eric Schmidt, Open-AI-Präsident Greg Brockman und der Palantir-Mitgründer Joe Lonsdale. Palantir entwickelt Software für die US-Einwanderungsbehörde ICE, das Pentagon und Nachrichtendienste. Und gemäss «Wired» gehört Lonsdale innerhalb von Dialog derselben «Society» an wie der US-Kongressabgeordnete Jim Himes, der im Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses jene Behörden beaufsichtigt, die zu den Kunden von Palantir zählen.
Der Novartis-Chef
Ebenfalls auf der Liste zu finden ist Novartis-Chef Vas Narasimhan. Gesellschaft leistet ihm der bis vor kurzem amtierende US-Vizegesundheitsminister und frühere Direktor der Gesundheitsbehörde CDC, Jim O’Neill. Wie bereits im Fall Palantir zeigt sich damit auch im Gesundheitsbereich, wie eng wirtschaftliche und politische Macht in diesem Netzwerk miteinander verbandelt sind. Narasimhan beantwortete eine Anfrage zu seiner Rolle bei Dialog bis Redaktionsschluss nicht.
Dass auch der Name des CDU-Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn auf der Liste steht, hat in Deutschland bis in die «Süddeutsche Zeitung» und die «Zeit» hinein für Diskussionen gesorgt. In der Schweiz wurde der Dialog-Leak bislang weitgehend ignoriert. Nun kann man argumentieren, hier träfen sich lediglich ein paar wohlhabende Menschen zu Workshops, Networking und vielleicht der einen oder anderen Romanze. Das eigentliche Problem ist jedoch nicht, wer eingeladen wird, sondern, wer nicht: Die Korruptionsforscherin Janine Wedel sagte gegenüber dem «Guardian», das Leck mache erstmals sichtbar, wie eng Techmilliardäre, Regierungsvertreterinnen, Militärs, Medienfiguren und Investoren miteinander vernetzt sind. Anders ausgedrückt: Es zeigt, wie politische und wirtschaftliche Macht informell organisiert ist – unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit. ●
Discussion in the ATmosphere