Auf allen Kanälen: Rassistische Routine
Als sich letzte Woche die Nachricht verbreitete, dass ein sudanesischer Flüchtling in Belfast einen brutalen Messerangriff verübt hatte, waren die rechten Demagogen schnell an ihren Handys. «Weisse Menschen sind unter Attacke», schrieb der unter dem Namen Tommy Robinson bekannte Rechtsextreme Stephen Yaxley-Lennon auf X. Wenig später postete er eine Liste von siebzig Städten, in denen «Proteste» gegen den «Angriff eines Eindringlings» geplant seien. Mehr als zehn Millionen Mal wurde der Post angeschaut, 9000 Mal retweetet. Aufrufe anderer Extremist:innen verbreiteten sich ebenso schnell – und wenige Stunden später waren die Leute in Belfast und anderen Städten auf der Strasse.
In der nordirischen Hauptstadt nahmen Randalierer:innen gezielt Geschäfte und Wohnungen von nichtweissen Bürger:innen ins Visier. Sie warfen Scheiben ein und steckten mit Molotowcocktails Wohnungen in Brand. Auf Videos ist zu sehen, wie Familien mit Kindern aus Häusern fliehen oder von der Polizei evakuiert werden.
Das Ausmass der rassistischen, pogromartigen Krawalle sorgte für Entsetzen – aber abgesehen davon war es eine Routine, die man im Vereinigten Königreich schon gut kennt. Immer wieder ist es in den vergangenen Jahren zu solchen Ausbrüchen des Hasses gekommen, ausgelöst durch Gewalttaten, bei denen der mutmassliche Täter einen migrantischen Hintergrund hatte.
Rassistisch motivierte Randale in Belfast. Foto: Imago
Dass es so schnell eskalieren kann, hat mehrere Gründe. Die radikale Rechte ist mittlerweile in der britischen Politik zu einer prägenden Kraft aufgestiegen. Reform UK, die Rechtsaussenpartei von Nigel Farage, hat im Parlament und in den Gemeinderäten eine bedeutende Präsenz gewonnen. Das heisst auch, dass Migrationsfeindlichkeit ein fester Teil des politischen Diskurses geworden ist – Hass auf Einwander:innen wird von oben legitimiert. Auch die etablierten Medien haben ihren Teil dazu beigetragen, den politischen Diskurs nach rechts zu verschieben (siehe WOZ Nr. 40/25).
Eine entscheidende Rolle nehmen die sozialen Medien ein, insbesondere X. Seit Elon Musk die Plattform 2022 übernommen hat, ist sie zu einem reaktionären Morast verkommen, in dem islamophobe und xenophobe Inhalte systematisch verstärkt werden. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Verbreitung von Desinformation und Aufrufe zur Gewalt durch rechte X-Accounts in Grossbritannien bei den rassistischen Krawallen der vergangenen Jahre eine wichtige Rolle gespielt haben.
Britische Abgründe
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Auch der Chef selbst ist ganz vorne mit dabei. Musk hat sich zuletzt immer wieder in die britische Politik eingemischt, mit Kommentaren, die so hetzerisch wie ignorant sind. Wie viele andere rechte Provokateure halluziniert der Techbillionär, dass Grossbritannien zu einer Dystopie verkommen sei, in der weisse Menschen drangsaliert würden. Das gemeinnützige Center for Countering Digital Hate schreibt in einem Bericht, dass Musk die Tragödie von Belfast genutzt habe, um migrationsfeindliche Narrative zu verbreiten – «was zu endlosen Rufen nach Gewalt geführt hat». Kein einzelner Mensch habe mehr dazu beigetragen, diese Inhalte auf X zu popularisieren, als Musk mit seinen 240 Millionen Follower:innen.
Wie einflussreich die rechte Desinformationsmaschinerie geworden ist, zeigt sich an einer anderen – ebenfalls von Musk weiterverbreiteten – Verschwörungstheorie, die derzeit Konjunktur hat: «two-tier policing», also die Behauptung, dass die britische Polizei weisse Brit:innen benachteilige. Das Gegenteil ist der Fall, wie Studien und Statistiken zeigen: Die Polizei ist institutionell rassistisch gegenüber Minderheiten. Aber trotzdem fühlen sich auch die etablierten Medien berufen, das Thema aufzugreifen. Es wurde in den letzten Wochen in Frühstückssendungen und in BBC-Abendbulletins diskutiert, als handle es sich um eine lohnende Debatte, um eine «kontroverse Theorie». So agieren die Medien wie ein Sprachrohr der Extremisten – anstatt ihrem Informationsauftrag nachzukommen und die Theorie als das zu bezeichnen, was sie ist: Bullshit aus der rechten Ecke. ●
Discussion in the ATmosphere