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"publishedAt": "2026-05-05T10:57:51.000Z",
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"textContent": "Ich überlege schon lange, mal einen Beitrag über meine Hypochondrie zu schreiben. Immer wieder habe ich damit angefangen, Beiträge verworfen, abermals neu begonnen. Jetzt gab es aber eine kleine Motivation, das mal durchzuziehen. Diese Motivation kam von zwei Bloggern. Einerseits hat Christian (hbml) die Frage, ob kranke Menschen immer über ihre Krankheit erzählen sollen, mit „natürlich nicht; aber ja, natürlich“ beantwortet. Etwas länger führt er dann noch Folgendes aus:\n\n> Nein, natürlich müssen wir alle nur sehr wenig. Aber wenn man zB daran interessiert ist, in einer aufgeklärten Gesellschaft zu leben, in der alle die gleichen Chancen zu haben, ein bestmögliches Leben zu führen, dann ist es leider nötig.\n\nIn einem Blogbeitrag zu dem Thema schrieb Alexander (alphathiel) dann folgendes:\n\n> Genau wegen solcher Artikel lese ich Blogs. Ich mag es wenn Menschen mir aus Ihrem Leben erzählen. Ich mag es, wenn diese Menschen dabei schonungslos sind und eben auch oder vor allem die Schattenseiten darstellen. Und das nicht aus Voyeurismus. Ich ergötze mich daran nicht. Ich lerne dadurch andere Seiten meiner Mitmenschen kennen.\n\nUnd genau das will ich mit meinem Beitrag hier erreichen. Verständnis für eine Krankheit, die zwar im Volksmund oft in einem lockeren Spruch genannt wird. Nur wenige können aber das Ausmaß verstehen, was wirklich dahintersteckt, wenn man davon betroffen ist.\n\nUnd gleich vorweg: Nein, ich will kein Mitleid. Das bringt mir nichts und Euch auch nichts. Es geht mir darum, ein Bild von der Hypochondrie zu zeigen, abseits von Fachbüchern. Vielleicht kann ich anderen Betroffenen das Gefühl geben, nicht alleine zu sein. Und mir selbst tut das Schreiben darüber auch ganz gut.\n\nTeilweise werde ich mit einer Portion Humor oder flapsig über meine Erlebnisse schreiben. Das ist ein Teil davon, wie ich mit der Krankheit umgehe. Anders würde ich es gar nicht ertragen. Es ist also nicht meine Absicht, etwas ins Lächerliche zu ziehen.\n\n## Was ist eigentlich eine Hypochondrie?\n\nDa lasse ich doch kurz mal Wikipedia zu Wort kommen:\n\n> Hypochondrie (von altgriechisch ὑποχόνδρια hypochóndria für den „Bereich unter den Rippen“) oder Krankheitsangststörung ist zum einen nach der ICD-10 eine psychische Störung aus der Untergruppe der somatoformen Störungen.\n>\n> (…)\n>\n> Die Betroffenen beschäftigen sich beharrlich mit der Möglichkeit, an einer oder mehreren schweren und fortschreitenden körperlichen Krankheiten zu leiden, ohne dass sich dafür ein angemessener, objektiver Befund finden lässt.\n\nAlso kurz: Ich lebe in ständiger (!) Angst, eine schwere Erkrankung zu haben. Also nicht nur gelegentlich mal, nein, täglich und rund um die Uhr. Das führt dazu, bereits morgens mit einem Angstgefühl aufzuwachen und abends mit Bedenken ins Bett zu gehen. Am Ende führt natürlich die dauernde Angst zu Symptomen im Körper und schwupps ist der Teufelskreis geboren.\n\n## Die Königsklasse: Angst vor Arztbesuchen\n\nJetzt gibt es die eine Art Hypochonder, die jede Woche x-mal zum Arzt rennen. Dazu gehöre ich nicht. Ich habe ebenfalls eine Heidenangst vor Arztbesuchen, denn, die könnten ja wirklich was finden.\n\nAllerdings ist das ein klein wenig besser geworden in den vergangenen Jahren. Wenn wirklich was „Merkwürdiges“ ist, gehe ich schon. Bisher war aber immer alles in Ordnung, es wurde nichts Weltbewegendes gefunden. Aber eine Blutentnahme, die ist eine Herausforderung. Nein, nicht der Piks und der Vorgang als solcher. Aber die Zeit, bis das Ergebnis dann da ist, ist die Hölle.\n\n## Wie erlebe ich die Hypochondrie im Alltag?\n\nIch lebe mit der Hypochondrie schon sehr lange. Den Zeitraum muss man wohl in Jahrzehnten angeben. Früher war es aber nicht so ausgeprägt und ich konnte viele Ängste mit dem Gedanken „da bist Du zu jung für“ beiseiteschieben. Das klappt nur leider später nicht mehr. Dann ist man eben nicht mehr zu jung.\n\nSomit habe ich immer etwas Neues, worüber mein Kopf nachdenken kann. Denn neben den Ängsten habe ich auch eine extreme Sensibilität für den eigenen Körper entwickelt. Jedes Zwicken, Zwacken, Stolpern nehme ich wahr und – noch schlimmer – bewerte es auf mögliche Gefahren.\n\nDas geht so weit, dass ich zum Beispiel beim Duschen etwas bemerke, was sich „anders“ anfühlt. Das ist dann kein Pickel oder ein Mückenstich, es ist wahlweise Hautkrebs oder – die Paradedisziplin eines jeden Hypochonders – ein geschwollener Lymphknoten.\n\nHier einfach mal ein paar Beispiele aus meinem Krankheits-Tagebuch:\n\n * Etwas an der Haut: Krebs, Lymphknoten\n * Geschwollene Knöchel (bei 30° und den ganzen Tag sitzen): Herzinsuffizienz\n * Verdauung mal nicht normal, sondern Verstopfung/Durchfall: Darmkrebs\n * Ploppen im Bauch/Brustkorb: Etwas mit Krebs oder Schlimmeres\n * Muskelkater an den Rippen (nach Radfahrten): Beginnender Infarkt\n\n\n\nUnd da ist nur ein Ausschnitt.\n\nImmer aktuell, auch im Moment wieder, sind Extrasystolen. Also kurze Aussetzer des Herzschlages oder auch mal Doppelschläge. Die hat fast jeder Mensch. Die meisten merken die nicht. Ich spüre jede Einzelne davon. Und jede löst kurz Angst aus. Dabei war ich beim (Langzeit-)EKG, da wurden die auch gesehen und als harmlos bewertet.\n\nAktuell habe ich die auch wieder. Vielleicht 100 am Tag. Mein logisches Ich weiß, die sind ungefährlich. Ich kenne Menschen, die haben mehrere Tausend davon am Tag, merken die aber nicht oder ignorieren die weg. Auch mein Arzt erklärte mir, dass die sogar ein Zeichen dafür sind, dass das Reizleitungssystem im Herz zuverlässig funktioniert, und unter 10.000 am Tag machen die gar nichts.\n\nNur, wie auch bei anderen Symptomen, kann mein logisches Ich sich nicht durchsetzen. Plopp im Brustkorb, Extrasystole, Bewertung im Kopf, Angst, ein ständiger Kreislauf. Denn durch Stress (Angst) kann es zu noch mehr Extrasystolen kommen.\n\nDazu kommt dann noch der Zwang zur Kontrolle (es soll ja nicht langweilig werden). In Phasen mit Extrasystolen kann ich gut und gerne 30-50 Mal am Tag meinen Puls kontrollieren. Natürlich, wenn ich das dann mache, kommen keine von den Drecksdingern.\n\nDas mit dem logischen Ich funktioniert auch bei anderen Symptomen bei mir nicht. Ich war lange genug im Rettungsdienst tätig, ich weiß, wie Menschen aussehen, die gerade einen Infarkt haben. Und ich weiß auch bei vielen meiner Symptome, dass da nichts ist, schon gar nichts Gefährliches. Und es hat sich ja in den vergangenen Jahren, ach was, Jahrzehnten gezeigt, dass nie etwas war. Sonst wäre ich jetzt nicht mehr hier.\n\nIch lebe also in einem ständigen Kreislauf aus hoher Sensibilität für den Körper, (meist negativer) Bewertung von „Symptomen“ und der daraus resultierenden Angst. Und ist eines Mal verschwunden, sucht sich mein Kopf binnen eines Tages etwas Neues.\n\nDas Ganze kann dann so weit eskalieren, dass ich eine Panik-Attacke bekomme (lange nicht mehr passiert) oder in eine depressive Phase rutsche, in der ich nur noch über die mögliche Krankheit grübel und keine Lust mehr zu anderen Dingen habe.\n\n## Was hilft mir? Woran arbeite ich aktuell?\n\nNatürlich habe ich mir inzwischen professionelle Hilfe geholt. Angefangen mit einer Gesprächstherapie vor 5 Jahren, weiter mit einer kognitiven Therapie seit einem Jahr. Zudem steht eine psychosomatische Reha an, welche Ende Juni beginnen wird.\n\nDurch die verschiedenen Therapien und Gespräche habe ich bereits einige Dinge ändern können und mich auf den Weg gemacht, mit der Krankheit halbwegs vernünftig leben zu können.\n\n### Finger weg von Dr. Google\n\nDas sollte die goldene Regel für alle Hypochonder sein. Nicht nach Symptomen googeln. Denn egal was es ist, es werden immer die schlimmstmöglichen Erkrankungen angezeigt. Das macht es alles noch viel schlimmer.\n\n### Was hilft mir, um das Grübeln zu durchbrechen?\n\nAktivität, ablenken, den Fokus auf andere Dinge richten. Das funktioniert bei mir mit Arbeit, auch das Schreiben hier auf dem Blog hilft mir dabei. Dass hier so oft am Design des Blogs geschraubt wird, hat auch seine Ursache in der Anlenkung.\n\nIm Sommer kommen noch meine Radtouren und Spaziergänge dazu. Gerade die Radtouren tun mir gut. Die Symptome sind dabei meist verschwunden (oder ich nehme sie einfach nicht wahr) und ich merke, dass ich körperlich eben nicht kurz vor dem Ende stehe. Nicht, wenn ich nach Feierabend mal eben 20-50 Kilometer mit dem Rad fahre.\n\nEigentlich hilft mir alles, was mich vom Grübeln ablenkt. Auch unsere Brettspiele sind da eine Hilfe. Allerdings muss ich mich in stärkeren Phasen dazu zwingen. Ich hatte vor 2 Jahren mal eine Phase, in der ich mich dem Grübeln hingegeben und nichts mehr gemacht habe. Das war nicht gut.\n\nDaher mag ich den Winter auch nicht. Es wird viel zu früh dunkel (was meine depressiven Phasen verstärkt), und ich bin viel zu wenig draußen aktiv. Ich habe letzten Winter damit begonnen, wenigstens mal ein paar Spaziergänge zu machen, dabei hasse ich Laufen. Und ein Ergometer hat mir auch gut über den Winter geholfen, um mich gelegentlich mal auszupowern.\n\nZudem habe ich einige kleine Hilfsmittel gelernt, um den Fokus meiner Gedanken sofort (!) von den Krankheitsängsten wegzulenken, wenn diese aufkommen.\n\n * Atemübungen: Diese verhindern zuverlässig das Hereinsteigern bis zur Panik-Attacke.\n * Dinge zählen: Um den Fokus der Gedanken sofort umzuleiten, hilft es, sofort Gegenstände in der Umgebung zu zählen. Also zum Beispiel alle roten Dinge. Das funktioniert sogar beim Autofahren, ohne die Konzentration auf das Fahren zu verlieren.\n * Am Schreibtisch oder am Abend kann man sich auch ein Wort ausdenken, wie HUND. Und dann überlegt man sich zu jedem Buchstaben des Wortes 5 Gegenstände im eigenen Haushalt.\n\n\n\nWichtig ist es für mich einfach, unmittelbar den gedanklichen Fokus von der Angst wegzunehmen. Das signalisiert auch dem Gehirn, dass das Symptom, welches man gerade spürt, unwichtig ist. In Zukunft wird das Symptom dann nicht mehr wahrgenommen. Allerdings dauert dieser Prozess sehr lange, wenn man seit Jahrzehnten einen falschen Weg gegangen ist.\n\n### Hilfe im Alltag durch Familie und Freunde\n\nIn meinem Umfeld kommuniziere ich die Krankheit inzwischen sehr offen. Nicht nur bei Freunden und in der Familie. Nein, auch meine Arbeitskollegen wissen Bescheid, ebenso mein Chef. Dazu kommt ein Hausarzt, der ausgezeichnet damit umgehen kann und mich schon oft beruhigen konnte.\n\nDieser offene Umgang, den ich auch erst in den vergangenen Jahren gelernt habe, hat mir vieles erleichtert. Ich muss keine „Rolle“ mehr spielen. Ich kann offen sagen, wenn ich einen schlechten Tag habe, ohne etwas erklären oder erfinden zu müssen.\n\nNicht zuletzt ist mir Frau Melli eine riesige Hilfe. Hier kann ich meine Dankbarkeit fast gar nicht in Worte fassen. Denn einerseits ist sie ja vom Fach und kann viele Symptome erklären oder als nicht relevant einordnen. Auch wenn mein Kopf das oft nicht wahrhaben will, hilft es ungemein. Zum anderen kann ich mit ihr immer und jederzeit über mein Kopfkino reden und habe eine Schulter zum Anlehnen, wenn es mal nötig ist. Dazu versucht sie mich unermüdlich anzutreiben, wenn ich mal wieder in eine Grübel-Phase rutsche.\n\n### Fokus mehr auf positive Dinge richten\n\nSeit Neuestem versuche ich, meinen Fokus mehr auf positive Dinge zu richten. Ich führe seit Jahren ein Symptomtagebuch. Das hilft mir an einigen Stellen dabei, Dinge zu bewerten. („Ach schau, dieses tödliche Symptom hattest Du vor 3 Jahren schon einmal.“) Allerdings richte ich damit die Aufmerksamkeit auch wieder auf den eigenen Körper und bewerte zusätzlich noch.\n\nIch habe nun damit begonnen, jeden Tag ein Tagebuch für mich zu schreiben, in dem ich die positiven Dinge des Tages festhalte, um denen mehr Raum in meinem Leben zu geben.\n\n## Woher kommt meine Hypochondrie?\n\nDas ist eine interessante Frage, die aber nur schwer zu beantworten ist. Ein Verdacht ist meine aktive Zeit im Rettungsdienst. Dort habe ich vielleicht viele Dinge gesehen und erlebt, die mir im Nachhinein nicht gutgetan haben. Nicht umsonst leiden viele Medizinstudierende unter einer Hypochondrie.\n\nAber so richtig konnte mir das noch kein Therapeut auseinanderdröseln. Am Ende ist es mir auch egal, lieber wäre es mir, die Ängste ein wenig mehr in den Griff zu bekommen.\n\n## Was wünsche ich mir?\n\nMir ist klar, dass Angst, auch die Angst vor schweren Krankheiten, etwas ganz Natürliches ist. Bis zu einem gewissen Maß, muss diese Angst auch vorhanden sein. Ich wünsche mir aber, dass diese Angst in geordnete Bahnen zurückkehrt. Dass nicht jeder Pickel direkt mit Hautkrebs assoziiert wird, nicht jede Extrasystole das Vorzeichen für einen Herzstillstand ist. Einfach wieder Vertrauen in den eigenen Körper bekommen und das Leben genießen, solange es eben geht.\n\nIch möchte einfach das Hier und Jetzt wieder genießen können, ohne ständige Angst vor Dingen, die vielleicht mal kommen (oder auch nicht). Am Ende liegt es nicht in meiner/unserer Hand. Aktuell verschwende ich zu viel wertvolle Lebenszeit damit, über unnötige Dinge zu grübeln. Aber vielleicht ist genau diese Erkenntnis schon ein guter Weg.",
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