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  "textContent": "**Freitag, 6. März 2026.** 07:14 Uhr. Der Ring 2, die Ringstraße, die das Innen in Hamburg seit den 50ern vom Außen trennt. Vom Winter gegerbtes Asphaltgrau und darüber liegt der Geruch von Diesel, der heute Morgen 20% teurer ist als noch ein Tag zuvor. An der Jet-Tankstelle beim Stadtpark leuchtet die Anzeige: **Diesel 2,14 Euro**. Ein Mann in einer verwaschenen Jacke starrt auf die Zapfsäule, als wäre sie ein Orakel, das ihm gerade den Untergang prophezeit hat. Er drückt den Hebel nicht ganz durch, er dosiert ihn, Milliliter für Milliliter, als würde er flüssiges Gold in seinen alten Toyota füllen. Das habe ich in meinen 20ern auch so gemacht als ewig klammer Student. Seitdem galt Volltanken ohne auf den Preis zu achten als verdienter Alltagsluxus. Das ist nu voebei. Danke Donald.\n\nEs ist die Woche 10 im Jahr 2026, und das große Metathema, das über dieser Stadt schwebt wie der frühe Nebel über der Alster, ist **Energie**. Aber nicht nur die Energie, die wir in Kilowattstunden messen oder in Litern bezahlen. Es ist auch die soziale Energie, die Hitze des Krieges, die auch bei uns ankommt und die des Frühlings, die uns Hamburgerinnen auf die Straßen und Plätze treiben.\n\nIn dieser Woche fühlt sich Hamburg an wie ein Seismograph, dessen Nadel mit jedem Raketeneinschlag im fernen Nahen Osten erzittert. Wir blicken auf die Elbe und blinzeln in die schon starke Mittagssonne, aber vor Augen haben wir die Feuer im Persischen Golf. Das ist die Realität in dieser Woche: Die Geopolitik hat auch Hamburgs Öffentlichkeit erreicht.\n\nDas Grollen im Osten: Hamburg als Exil und als Echoraum\n\nWenn man das „Hamburger Tagesjournal“ in diesen Tagen in der Inbox findet, grüßt Mathias Adler nicht mehr nur mit dem Wetter oder der neuesten Posse aus dem Rathaus. Es ist der „Irankrieg“, der die Zeilen füllt. Es ist kein Krieg mehr, den man wegscrollen kann. Er ist hier. In den Gesichtern der Menschen auf dem Steindamm, in der betäubenden Stille vor der Blauen Moschee, die immer noch wie selbstverständlich am Ufer der Außenalster steht.\n\nDie iranische Community in Hamburg – mit rund 25.000 Menschen eine der größten in Europa – lebt in dieser Woche im Ausnahmezustand. Während die Nachrichten von Drohnenangriffen auf Isfahan und der Blockade der Straße von Hormus berichten, sitzen die Menschen im „Teheran“ am Steindamm vor ihren Telefonen. Es ist eine kinetische Energie, aus Sorgen gespeist und dieser euphorischen Hoffnung, das trotz Gewalt und Tod nun doch sich alles zum Guten wandelt. Irgendwie.\n\nDie MOPO berichtet von spontanen Mahnwachen vor dem Generalkonsulat der Iranischen Republik an der Bebelallee. Es ist eine seltsame Mischung aus Hoffnung auf einen Sturz des Regimes und der nackten Sorge vor dem, was mit den Familien in der Heimat passiert. In Hamburg-Nord, wo viele Exil-Iraner der ersten Generation leben, ist die Stimmung bleiern. Die Stadt ist in dieser Woche ein Resonanzkörper für den Schmerz eines fernen Landes.\n\nVollmond und keine Streiks\n\nMitte der Woche war Vollmond. Der Mond hing über dem Hamburger Hafen wie eine überbelichtete Werbetafel. Fehlte nur noch, dass da groß “ _Eine Chance für alle_ ” drauf zu lesen gewesen wäre.\n\nSeit Wochen mal kein Streik. Obwohl ich persönlich die Sperrung der S-Bahn-Strecke von Altona über Sternschanze und Dammtor als ähnlich große Beeinträchtigung werte.\n\n**Hamburg baut. Und sucht Geld.**\n\nNDR 90,3 meldete am Donnerstag den neuesten Stand zum A7-Deckel in Altona. Es geht voran, aber im Schneckentempo. Die Stadt baut an ihrer Zukunft, während die Gegenwart ihr die Mittel entzieht. Die Kriegsflation, befeuert durch die Unsicherheit im Nahen Osten und die Lobbyisten im Bund, frisst sich durch die Hamburger Haushalte.\n\nBürgermeister Tschentscher wirkt in dieser Woche wie ein Kapitän, der versucht, ein Containerschiff durch ein Nadelöhr zu steuern. Während die Opposition im Rathaus über die Kosten der Unterbringung von Geflüchteten wettert – die Zahlen steigen wieder, vor allem durch Menschen, die vor den neuen Konflikten im Mittleren Osten fliehen –, versucht der Senat, Ruhe auszustrahlen. Doch die Ruhe ist brüchig. Das „Hamburger Tagesjournal“ merkte süffisant an, dass die „Hamburger Gelassenheit“ langsam in eine „Hamburger Starre“ übergeht.\n\nUnd dann ist da ja noch … der HSV:\n\nSo schnell kann das gehen. Da wähnst du dich nach einer starken Hinrunde, vor allem zu Hause im Volkspark, angekommen im Mittelfel der Bundesliga, die du als HSVer sowieso als dein angestammtes Spielfeld betrachtest. Und dann gibts zwei kraftlose Heimniederlagen.\n\nDas kann mal passieren, aber doch nicht so. Es scheint, als hätte den HSV eine kollektive Frühjahrsmüdigkeit befallen. Am Samstag ging es zum vermeintlich blutleersten Team der Liga, den Konzernwölfen aus Wolfsburg.\n\n**HSV sorgt für vorzeitiges Verbrenneraus**\n\nIm dritten Spiel gegen eine Werkself in gut einer Woche hätte man auch gleich zum Elfmeterschießen übergehen können. Viel mehr Energie hatten beide nicht zu bieten. Immerhin: das Elfmeterschießen konnte der Hamburger SV für sich entscheiden. (Was lustigerweise auch die Fans des anderen HHer Klubs freuen dürfte)\n\nUnd der FC St. Pauli?\n\nAm Millerntor bereitet man sich derweil auf das Spiel gegen Frankfurt vor. (Sonntag, 15:30 Uhr). Es ist die einzige Form von Eskapismus, die noch funktioniert: 90 Minuten lang so tun, als wäre die wichtigste Frage der Woche, ob Tomoya Andō wieder in der Startelf steht.\n\nDer Puls der Fernwärme und das Versprechen von Morgen\n\nWährend die Welt am Persischen Golf brennt, graben wir in Hamburg den Boden auf. _Hamburg Energie_ hat in dieser Woche den Startschuss für den massiven Fernwärmeausbau im Norden gegeben. 4,7 Kilometer neue Leitungen, eine Operation am offenen Herzen der Infrastruktur. Es ist die Ironie unserer Zeit: Wir planen die Klimaneutralität für 2045, bauen Wasserstoffnetze wie das „HH-WIN“, von dem Tschentscher und Fegebank träumen, während die Gegenwart uns mit der nackten Geopolitik ins Gesicht schlägt.\n\nDie Schlussredaktion fragt, ob wir in HH unsere Fernwärme mit Gas oder Öl anfeuern? Das wäre dann ja auch irgendwie doof. Recherchen ergeben: Abwärme und Kohle heizen unseren Wasserdampf, der große Teile der Stadt wärmt (dieses Jahr noch, dann soll Wedel abgeschaltet werden). Das beruhigt auf eine merkwürdige Art.\n\nIn den Kneipen von Barmbek-Nord spricht niemand über den „Green Hydrogen Hub“ in Moorburg. Man spricht darüber, ob die Heizung im nächsten Winter noch bezahlbar ist, wenn die Straße von Hormus dicht bleibt und der Vermieter wegen der Merzschen Propaganda eine neue Gasheizung installiert.\n\nWas war sonst noch?\n\n* **Kultur:** In der Elbphilharmonie gab es ein Benefizkonzert für die Opfer im Iran. Die Hochkultur versucht, zu helfen, dem Chaos eine Struktur zu geben. Wenn Geigen gegen das Echo der Explosionen in Teheran anspielen, bleibt ein hilfloser Beigeschmack.\n\n* **Polizei:** Erhöhte ihre Präsenz rund um die jüdischen Einrichtungen im Grindelviertel. Die Angst vor zusätzlichem Antisemitismus wächst mit jedem Tag, an dem der Konflikt im Osten eskaliert.\n\n* **Zeugen wider Willen** : Rund 30.000 Deutsche sitzen derzeit in der Region fest, ein signifikanter Teil davon sind Hamburger Urlauber und Geschäftsleute (**NDR Info, 02.03.2026**). Was als luxuriöser Stopover oder Routine-Trip begann, ist für viele zum Albtraum geworden. Das „Hamburger Tagesjournal“ berichtet am Dienstag trocken, aber treffend von den „Zeugen mit Flugverbot“ (**Tagesjournal, 03.03.2026**).\n\nBesonders dramatisch ist die Lage für jene, die auf den Kreuzfahrtschiffen von TUI Cruises festsitzen. Man muss sich das vorstellen: 2.500 Menschen an Bord, der Kapitän versichert, der Hafen sei „relativ safe“, während draußen die Lufträume von Dubai bis Oman dichtgemacht wurden (**NDR Info, 02.03.2026**).\n\nOttensen ist nicht Mailand\n\nGestern Abend schlendere ich durch Ottensen. Vor jedem Restaurant sitzen Menschen und genießen den lauen Spätwinterabend. Kaum klettert das Thermometer über 13 Grad, strömen die Hamburger aus ihren Altbauwohnungen und bevölkern die Straßen und Plätze. Nicht nur zum Protest, sondern auch um die Energie des Frühlings aufzunehmen, nach diesem langen frostigen Winter.\n\nJunge Pinneberger trinken Cocktails vor der Rehbar in der Ottenser Hauptstraße, eine Freundin feiert ihren Geburtstag im Fischi. Es wird bis weit nach Sonnenuntergang draußen gebufft, gegrillt, gelacht und gestritten.\n\nDer Iran ist derweil nicht weit weg. Er lebt mitten unter uns, in den Villen in Hochkamp, trinkt Tee mitten auf dem Steindamm, pendelt in der U3; er wartet in der Schlange beim Bäcker in Eppendorf und begegnet uns in den Schlagzeilen dieser Woche. Und sehr wahrscheinlich bleibt das auch nächste Woche so.\n\n**_Moin und einen schönen Sonntag, euer_**** _Erik_**\n\n**Anmerkungen der Schlussredaktion:****_“Sag mal, Erik, willst du gar nichts zum Saharastaub machen?”. Och nee, das ist mir zu boulevardesk, außerdem ist der ja nix Neues. Milchige Wärme, die in der Tagesschau das Prädikat “zu warm für die Jahreszeit” bekommt; wobei ich das irgendwie irreführend finde: wer weiß denn schon, was neuerdings “normal” ist?_**\n\n**_Aber den internationalen feministischen Kampftag hätte ich beinahe verbaselt; typisch Mann. Nächste Woche findet für Interessierte bspw ein_** Female Maker Hub**_statt. Machen statt reden, finde ich gut. Reparieren statt Shoppen ist mal ne gute Idee._**\n\n**_PPS dieser Letter / Podcast erscheint wöchentlich am Sonntag und schaut auf die Woche in der schönsten Stadt. Er bleibt kostenlos und spamfrei. Wenn er Dir gefällt, teile ihn in deinen Sozialen Medien und spendiere dem Autor eine Galao_** oder ein Ratsherrn 0.0 via Ko-Fi…\n\nIch bedanke mich bei allen Spender:innen und Abonnenten. Werde doch auch eine:r:\n\nQuellenverzeichnis: KW 10 (2026)\n\n* **Hamburger Tagesjournal (03.03.2026):** Leitartikel von Mathias Adler zum „Wurmmond“ und der geopolitischen Lage.\n\n* **NDR 1 / 90,3 (05.03.2026):** Bericht über die Bauverzögerungen an der A7 und die wirtschaftlichen Auswirkungen der Hafen-Unsicherheit.\n\n* **Hamburger Morgenpost (MOPO, 04.03.2026):** „Angst um die Heimat“ – Reportage über die iranische Community in Hamburg und Mahnwachen in der Bebelallee.\n\n* **Hamburger Abendblatt (06.03.2026):** Analyse der steigenden Energiepreise im Hamburger Stadtgebiet und der Reaktion des Senats auf die Flüchtlingszahlen.\n\n* **Polizeipressestelle Hamburg (07.03.2026):** Meldung zur Sicherheitslage und dem Schutz religiöser Einrichtungen im Kontext der Nahost-Eskalation.\n\nGet full access to Ring2 * das Hamburg Logbuch at logbuch.substack.com/subscribe",
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