Die unsichtbaren Fäden der Macht
Eine Gebrauchsanweisung für die moderne Welt entwickelt der Kulturwissenschaftler Michael Seemann gerade in seinem Blog. Ich finde das spannend, denn wer die Mechaniken versteht, die unsere Handlungsmöglichkeiten prägen, kann sie nutzen. Oder umbauen. Oder sogar sprengen.
Michael Seemann verwendet eine Reihe von Begriffen, die er dann wie Werkzeuge nutzt, um Gesellschaft zu analysieren.
Warum du kein „Ich“ bist – und warum das gut ist
Er ersetzt zu aller erst das klassische autonome Individuum („Ich denke, also bin ich“ – Descarte) durch das Dividuum - ein Subjekt, das nur in und durch Netzwerke existiert. „Nobody is an Island,“ wie es John Donne sagte.
Bei allem, was wir tun, sind wir von materiellen und sozialen Voraussetzungen abhängig. Michael Seemanns Dividuum ist deswegen kein festes Wesen, sondern ein Knotenpunkt, dessen Identität sich ständig neu zusammensetzt – aus den Möglichkeiten, über die es verfügen kann und den Zwängen, denen es unterliegt.
Die Illusion der freien Wahl
Die „Pfadgelegenheit “ beschreibt Handlungsoptionen entlang von Wegen, die uns offenstehen – oder nicht). Eine Pfadgelegenheit ist wie eine Tür in einem Labyrinth: Sie ist nur dann eine Option, wenn du den Schlüssel hast (materiell), wenn das Schild sagt „Hier darfst du lang“ (semantisch) und wenn niemand die Tür blockiert (sozial). Deine Möglichkeiten hängt also von Dingen ab, die du nicht kontrollierst.
Wer wirklich die Fäden zieht
Hier kommt Michael Seemanns „Fulcrum “ ins Spiel. In der Physik ist das Fulcrum der Punkt, an dem man einen Hebel ansetzt, um eine Hebelwirkung zu erzielen. Also der Punkt am Türrahmen, an dem man die Brechstange ansetzt, um die Tür aufzuhebeln. Wenn man keinen Fulcrum hat, kann man nicht hebeln.
Wer handeln will, braucht dafür eine materielle, semantische und soziale Infrastruktur. Wenn die Infrastruktur nicht ausreicht, geht nur der Türrahmen (das Fulcrum) kaputt – die Tür öffnet sich aber nicht. In der echten Welt sind Fulcren die unsichtbaren Punkte, die entscheiden, welche deiner Handlungsoptionen (Pfadgelegenheiten) wirklich funktionieren – und welche nur Illusionen sind. Macht hat, wer die Fulcren der Anderen kontrolliert.
Wie Macht funktioniert – und wie du sie nutzt
Mit der „Hebel:Fulcrum-Mechanik “ erklärt Michael Seemann, wie Macht und Handlungsfähigkeit in vernetzten Welten funktionieren: Stell dir vor, du willst mit einem Hebel einen schweren Stein anheben – der Hebel ist deine Handlung (z. B. „Ich gründe ein Startup“), und das Fulcrum (der Drehpunkt) ist die Infrastruktur, die deine Handlung erst möglich macht (z. B. Investor:innen, ein Markt, dein Netzwerk).
Die Mechanik zeigt: Deine Wirkung hängt nicht allein von deinem Einsatz und deiner Kraft ab (deinem Hebel), sondern davon, wie stabil dein Fulcrum ist. Wer die Fulcren kontrolliert, schreibt die Regeln – und wer Hebel klug einsetzt, kann mit wenig Aufwand viel bewegen.
Michael Seemann spricht übrigens von „Infrastruktur “ und nicht beispielsweise von „Ressourcen“ um Fulcren zu beschreiben, weil sie keine neutralen Ressourcen sind, sondern politisch geformte Infrastrukturen (z. B. Algorithmen, Märkte, kulturelle Normen). Das ist vor allem wichtig, um bspw. zu erkennen, dass Frauen oder schwarze Menschen weniger Pfadmöglichkeiten haben, nicht weil das einfach so ist, sondern weil Gesellschaften in der Vergangenheit beschlossen haben, dass das so sein soll.
Der unsichtbare Käfig in deinem Kopf
Wir können nie genau wissen, welche Hebel wir gerade einsetzen können. Über das bspw., was andere bei uns sozial angemessen halten, können wir nur spekulieren. Wir haben Erwartungen darüber, was andere von uns erwarten. Bei den meisten Menschen dürfte das dazu führen, dass sie nicht alle Möglichkeiten nutzen, die sie wirklich hätten.
Wenn Du beispielsweise denkst „Ich glaube, dass nur Menschen mit Uni-Abschluss in dieser Position arbeiten dürfen“ sind das Erwartungserwartungen , die als selbst-erfüllende Prophezeiungen bestehende Machtverhältnisse stabilisieren.
Erwartungserwartungen sind aber keine individuellen Ängste, sondern soziale (dividuelle) Infrastrukturen – sie formen unsere Pfadgelegenheiten, bevor wir überhaupt handeln.
In den Spuren der Vergangenheit
Die Pfadgelegenheiten der Gegenwart hängen entsprechend nicht nur von den aktuellen Optionen ab, sondern auch von vergangenen Entscheidungen – deinen eigenen und denen der Gesellschaft. Du hast dich früher für bestimmte Wege entschieden (z. B. Ausbildung, Job, Wohnort) – und diese Entscheidungen öffnen oder verschließen dir heute Türen. Pfadabhängigkeiten wirken wie unsichtbare Schwerkraft – sie machen es uns einfacher, auf bekannten Pfaden zu bleiben, als neue zu bahnen.
Wie du die Netzwerke für dich arbeiten lässt
Bis hierhin klingt Michael Seemanns Theorie vielleicht deprimierend: Ich bin kein Individuum, sondern ein Dividuum und abhängig von Pfaden, Fulcren und Erwartungen! Meine Freiheit ist nur so groß wie die Pfadgelegenheiten, die mir offenstehen! Und selbst die hängen von vergangenen Entscheidungen oder Anderen ab!
Aber genau hier kommt der Hoffnungsschimmer – denn Michael Seemann Theorie sagt auch: Ja, du bist abhängig von Netzwerken – aber genau das gibt dir auch Macht! Du bist handlungsfähig, weil du lernen kannst, die Pfade, Fulcren und Erwartungen in deinem Netzwerk zu erkennen, zu nutzen oder neue zu bauen. Bei Michael Seemann wird „Freiheit“ zur Agency – der Fähigkeit, Abhängigkeiten strategisch zu gestalten.
Wer profitiert von deinen Wegen?
Bis hierhin habe ich versucht zu erklären:
- Dividuen handeln in Netzwerken.
- Pfadgelegenheiten sind ihre Handlungsoptionen.
- Fulcren sind die Drehpunkte, die diese Optionen ermöglichen.
- Erwartungserwartungen und Pfadabhängigkeiten stabilisieren die Pfade.
- Agency bedeutet, diese Strukturen klug zu nutzen.
Aus dieser theoretischen Basis entwickelt Michael Seemann seine „Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten “. Denn: Wer kontrolliert diese Pfade? Wer profitiert davon? Und warum ist es so schwer, Alternativen zu schaffen? Die Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten zeigt, wie Macht und Wert in vernetzten Systemen entstehen – und warum manche Akteure (Plattformen, Konzerne, Staaten) die Regeln zu ihren Gunsten gestalten.
Wert entsteht in vernetzten Systemen dort, wo Akteure Fulcren kontrollieren, von denen die Pfadgelegenheiten anderer abhängen. Macht ist die Fähigkeit, diese Abhängigkeiten zu strukturieren – und Interdependenz ist das Feld, in dem dieser Kampf um Wert stattfindet.
Ein Vermieter eignet sich Wert an, weil er das Fulcrum „Wohnraum“ kontrolliert – und damit die Pfadgelegenheit „Wohnen“ für Mieter:innen strukturiert. Wert ist also relational. Die Wohnung des Vermieters ist den potenziellen Mieter:innen etwas wert. Also kann man den Wert umverteilen – indem man die Fulcren demokratisiert. Damit ändern wir die Spielregeln.
Ich finde die Theorie äußerst spannend. Wenn man sie ein wenig verstanden hat, funktioniert sie wie ein Röntgenblick für gesellschaftliche Verhältnisse. Man kann die Strukturen erkennen, die dafür sorgen, dass die Welt so ist, wie sie ist. Und man ahnt, wo die Ansatzpunkte sind, um sie besser für alle zu machen.
Michael Seemann schreibt natürlich noch viel mehr. Aber vielleicht hilft mein Text beim Einstieg.
Links
- Michael Seemann: Dividuum
- Michael Seemann: Pfadgelegenheit
- Michael Seemann: Hebel:Fulcrum-Mechanik
- Michael Seemann: Interdependenz-Theorie und Machtformel-Explainer
- Michael Seemann: Die politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten
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