Bayern macht Kehrtwende und entwickelt Computerarbeitsplatz ohne Microsoft-Programme
Der Freistaat Bayern schließt nun doch keinen neuen Vertrag mit Microsoft, der öffentliche Druck war offensichtlich zu groß. Stattdessen will Bayern einen “souveränen Arbeitsplatz” ohne Microsoft-Programme entwickeln.
In den letzten Monaten gab es reichlich Prügel für die bayerische Landesregierung und vor allem für den bayerischen Finanzminister Albert Füracker (CSU). Denn Füracker wollte für den Freistaat Bayern einen neuen Lizenzvertrag mit Microsoft abschließen. Allein durch den Rahmenvertrag wären dem Freistaat wohl Kosten von fast einer Milliarde Euro entstanden. Vor allem aber hätte sich Bayern in eine noch stärkere Abhängigkeit von Microsoft begeben. In einer Zeit, in der es ratsam erscheint, sich von den USA unabhängiger zu machen.
Bei seinen fast schon verzweifelten Versuchen, dieses umstrittene Vorhaben zu verteidigen, verstieg sich Füracker zu bemerkenswerten Aussagen: So habe der Freistaat Bayern bereits in den 1960ern Software von Microsoft genutzt – obwohl Microsoft erst 1975 gegründet wurde. Auch beim Einsatz von Open Source sah Füracker den Freistaat ganz vorn: „Unsere 51 Vermessungsämter arbeiten seit den 1960er-Jahren komplett mit Open-Source-Arbeitsplätzen.“ Das wäre tatsächlich bemerkenswert, wenn es denn in den 1960ern schon Computerarbeitsplätze in den Vermessungsämtern gegeben hätte …
Digitalministerium (Freie Wähler) statt Finanzministerium (CSU) federführend
Doch der neue Vertrag mit Microsoft soll nun vom Tisch sein. Stattdessen soll das bayerische Digitalministerium (geführt von Minister Fabian Mehring, Freie Wähler) einen neuen Versuch unternehmen. Mehring hatte die Microsoft-Pläne von Albert Füracker Anfang des Jahres kritisiert.
Mitarbeiter von Mehrings kleinem Ministerium sollen in den nächsten Monaten auf ihren Rechnern unterschiedliche Programme aus Bayern beziehungsweise Deutschland für die tägliche Arbeit ausprobieren, wie die Augsburger Allgemeine berichtet. Das Digitalministerium schreibt: “ Neben Marktangeboten sollen hierbei auch die Lösungen des deutschen Zentrums für digitale Souveränität der öffentlichen Verwaltung (ZenDiS) des Bundes sowie bayerische Eigenentwicklungen aus dem technischen Umfeld der BayernCloud-Schule in den Blick genommen werden “.
Auf Basis der damit gemachten Erfahrungen soll das Digitalministerium dann einen “souveränen Arbeitsplatz” konzipieren. “Zunächst soll ein souveräner Basisarbeitsplatz aufgebaut werden, der schrittweise erweitert werden kann”, so das Digitalministerium.
Wie bei Politikern üblich wird das Vorhaben in wohlklingende Worte gepackt:
Digitale Souveränität ist eine zentrale Zukunftsfrage für unseren Staat und seine Verwaltung. Weil digitale Infrastruktur längst die Welt im Innersten zusammenhält, müssen wir sie krisenfest gestalten. Dazu gehört es, unsere Behörden unabhängiger von Unternehmen aus Übersee zu machen, die unserer Verwaltung den sprichwörtlichen Stecker ziehen könnten.
Die Realität sieht dagegen recht bescheiden aus: Laut Augsburger Allgemeine gibt es im bayerischen Digitalministerium rund 200 Mitarbeiter. Da von diesen rund ein Fünftel im Laufe des kommenden Jahres mit der neuen Software-Ausstattung arbeiten soll, wären das gerade mal rund 40 Computerarbeitsplätze, die umgestellt werden. Dieser im Digitalministerium erprobte Arbeitsplatz ohne Microsoft-Programme soll dann auch von anderen Ressorts und von der Staatsregierung übernommen werden.
Bleibt zu hoffen, dass dieser Test ergebnisoffen läuft und nicht klammheimlich nur dazu dienen soll, die angebliche Überlegenheit von Microsoft-Programmen zu beweisen. In der bayerischen Landeshauptstadt wurde vor längerer Zeit der spektakuläre Umstieg zu Linux (weswegen angeblich der damalige Microsoft-Chef Steve Ballmer durchs Büro des Münchner Oberbürgermeisters sprang) und Open Source abgeblasen – und Microsoft verlegte seine Deutschlandzentrale von Unterschleißheim nach München. Sehen Sie hierzu auch unsere Galerie: So arbeitete man bei Microsoft Deutschland.
Frankreich hat anders als der Freistaat Bayern längst damit begonnen, Windows loszuwerden. In Deutschland denken Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen darüber nach, unabhängiger von Microsoft zu werden. Schleswig-Holstein treibt den Umstieg von Windows auf Linux bereits aktiv voran und ersetzt Windows und Microsoft Office durch Linux und LibreOffice.
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