Disketten, DOS und Atomwaffen: Die absurdesten Alt-Systeme der Welt
Manchmal ist die Realität absurder als jede Science-Fiction. Während wir jedes Jahr neue Smartphones kaufen und Betriebssysteme aktualisieren, laufen in Krankenhäusern, Militärbasen und Behörden weltweit Rechner, die teilweise älter sind als die Mondlandung. Hier ein Überblick über die wohl gruseligsten Retro-Technik-Momente unserer Zeit.
Windows 95 sichert Ihren Flug
In den Vereinigten Staaten laufen ein Drittel aller Flugkontrollsysteme mit Windows 95 und Disketten. Das Leben der Passagiere und Besatzungsmitglieder hängt also davon ab, dass ein rund 30 Jahre altes Betriebssystem sowie uralte Datenspeichertechnik einwandfrei funktionieren. Mehr dazu lesen Sie in unserem Artikel Windows 95 und Disketten immer noch unverzichtbar für Flugverkehr.
Bitcoin-Schürfen mit dem Commodore 64
Ein Bastler hat bewiesen, dass ein Commodore 64 tatsächlich Bitcoins schürfen kann. Zumindest wenn man viel Zeit mitbringt. Der mit 1 MHz getaktete 8-Bit-Prozessor schafft gerade einmal 0,3 Hashes pro Sekunde. Zum Vergleich: Eine moderne Grafikkarte schafft 100 Millionen davon. Wer mit dem C64 reich werden will, sollte also Geduld haben – etwa eine Milliarde Jahre, um genau zu sein.
Auch der legendäre Nintendo Game Boy aus dem Jahr 1989 kann Bitcoins schürfen, theoretisch jedenfalls. Der YouTuber “stacksmashing” hat es geschafft, den Handheld über einen Raspberry Pi Pico ins Internet zu bringen und eine Mining-Software laufen zu lassen.
Doch mit 0,8 Hashes pro Sekunde ist der Gameboy kaum schneller als der C64 und etwa 125 Billionen Mal langsamer als ein moderner ASIC-Miner. Für einen einzigen Bitcoin müsste der Gameboy also länger arbeiten, als das Universum existiert.
Auto-Werkstatt setzt seit 30 Jahren auf C64C
In einer Werkstatt im polnischen Danzig läuft ein Commodore 64C seit über 30 Jahren ununterbrochen und unterstützt die Mechaniker bei Antriebswellen-Berechnungen. Nicht einmal eine Überflutung konnte den Rechner bislang stoppen. Nur der mechanische Lüfter könnte irgendwann kapitulieren.
Amerikanische Bäckerei nutzt den 64er als Kassensystem
Eine Bäckerei in Indiana setzt den Commodore 64 seit den 1980er Jahren als Kassensystem ein. Ein passenderes Zuhause als eine Bäckerei hätte sich der C64 kaum aussuchen können, trägt er doch im Fachjargon den Spitznamen “Brotkasten”. Auf den Tasten kleben selbst gebastelte Aufkleber mit den verschiedenen Backwaren. Abgestürzt ist der Rechner in über 40 Jahren kein einziges Mal.
Commodore C64 aufgeschraubt: So sieht der Heim-Computer innen aus
Eiersortiermaschine mit Windows 95
Auch ein Landwirt aus Düsseldorf vertraut auf einen Oldie. Seine Eiersortiermaschine läuft mit Windows 95 und sortiert jeden Tag 40.000 Eier zuverlässig nach Größe und Gewicht, wie Sie hier nachlesen können.
Windows 95 vs. Ladenkasse
Beim Thema Windows 95 gibt es noch eine weitere kuriose Geschichte, die erst vor Kurzem ans Licht kam. Ein Microsoft-Manager fuhr mit seinem Pick-up in einen Software-Laden und kaufte buchstäblich jede verfügbare Software, die im Regal stand. Den vollgeladenen Wagen brachte er zurück zu Microsoft, wo die Entwickler die Programme auf Kompatibilität mit Windows 95 testen sollten.
Das Problem: Die Ladenkasse war nicht darauf ausgelegt, dass jemand für mehr als 10.000 US-Dollar auf einmal einkauft. Sie stürzte schlicht ab. Der Ladenbesitzer musste den Einkauf kurzerhand in mehrere Einzelbons unter je 10.000 Dollar aufteilen, damit die Kasse überhaupt mitmachte.
Die USA steuern Atomwaffen mit 8-Zoll-Disketten
Noch absurder wird es beim Thema Verteidigung: Ein IBM-Computer aus dem Jahr 1976 steuerte die US-amerikanische Nuklearstreitmacht mit 8-Zoll-Disketten als Speichermedium. Diese Disketten speicherten gerade einmal 80 Kilobyte Daten, das ist weniger als eine durchschnittliche Whatsapp-Nachricht.
Die Disketten wurden erst 2019 durch moderne Solid-State-Speicher ersetzt. Der IBM-Computer selbst läuft allerdings bis heute. Ein Pentagon-Sprecher begründete das damals lapidar: “Das System ist noch im Einsatz, weil es schlicht funktioniert.”
US-Marine bezahlt Microsoft für Windows-XP-Patches
Retro-Flair auch bei der deutschen Marine
Die Fregatten der Brandenburg-Klasse, Mitte der 1990er Jahre in Dienst gestellt, speichern Betriebsdaten für Antrieb und Stromversorgung ebenfalls noch immer auf 8-Zoll-Disketten. 2024 schrieb das Beschaffungsamt der Bundeswehr offiziell aus: Gesucht wird ein System, das die Diskettenlaufwerke emuliert, also so tut, als wäre es noch 1994. Neue Laufwerke zu beschaffen, wäre zu teuer, und eine komplette Modernisierung würde sich nicht mehr lohnen. Denn die Fregatten sollen schrittweise durch die neue F126-Klasse ersetzt werden, das erste Schiff wird 2028 erwartet. Bis dahin muss die Emulation funktionieren.
Disketten -Fieber in San Francisco
Ausgerechnet in der Tech-Metropole San Francisco steuerten bis in jüngster Vergangenheit drei 5,25-Zoll-Disketten täglich den automatischen Zugverkehr der Muni Metro. Jeden Morgen musste das System mit den drei Disketten neu gebootet werden, denn ohne sie fuhr kein Zug in den Untergrundtunnel. Das Steuerungssystem stammte aus dem Jahr 1998 und war auf eine Lebensdauer von 20 bis 25 Jahren ausgelegt.
Im Oktober 2024 genehmigte die Behörde einen Vertrag mit Hitachi Rail über 212 Millionen Dollar für ein neues System, das bis 2028 fertiggestellt werden soll.
Windows 3.1 legt Flughafen lahm
Im Jahr 2015 sorgte ein Systemausfall am Flughafen Paris-Orly für Chaos. Der Grund war ein Rechner mit Windows 3.1, einem Betriebssystem aus den frühen 1990ern, der einfach abstürzte. Die Software “DECOR”, die Piloten mit Wetterdaten versorgt, funktionierte nicht mehr, weshalb die Starts aus Sicherheitsgründen ausgesetzt werden mussten. VVielleicht wollte der Rechner einfach ein Upgrade auf Windows 95…
Noch skurriler war eine Stellenanzeige aus dem Januar 2024, wie der Standard damals berichtete: Siemens Mobility suchte einen Administrator für die Pflege der Führerstands-Anzeigesysteme in ICE- und Regionalzügen der Deutschen Bahn. Die geforderten Kenntnisse: Windows 3.11 for Workgroups, MS-DOS und Legacy-Betriebssysteme.
Die Systeme zeigen dem Fahrer die wichtigsten technischen Daten in Echtzeit an und laufen seit dem Bau der Züge in den 1990er Jahren ohne größere Änderungen. Siemens bestätigte die Ausschreibung und erklärte nüchtern, dass Züge eine Lebensdauer von 30 Jahren und mehr haben und bewährte Altsysteme eben weiterhin gewartet werden müssen.
COBOL verwaltet Ihr Geld
Während Sie nichts ahnend Ihr Onlinebanking nutzen, läuft im Hintergrund höchstwahrscheinlich Code, der älter ist als das Internet. Die Programmiersprache COBOL wurde 1959 entwickelt und läuft nach wie vor im Kern der globalen Finanzwelt. 95 Prozent aller Kartenlesegeräte an Geldautomaten funktionieren mit COBOL-Code, 70 Prozent aller Transaktionsverarbeitungssysteme wurden damit aufgebaut.
In Deutschland setzt noch immer ein Viertel aller Unternehmen auf COBOL-Anwendungen. Das Problem: Kaum jemand lernt die Sprache noch, das Durchschnittsalter der aktiven COBOL-Entwickler liegt bei 55 Jahren. Darum trauen sich die Banken nicht, die Systeme anzufassen. Denn ein Fehler könnte im schlimmsten Fall den globalen Zahlungsverkehr lahmlegen.
Der älteste Computer der Welt macht noch Buchhaltung
In einem Industriegebäude in Conroe, Texas, steht ein Computer, der 1948 gebaut wurde und laut Quellen bis mindestens 2022 im aktiven Einsatz war. Das Wasserfilterunternehmen Sparkler Filters erledigt damit seine komplette Buchhaltung. Das Gerät heißt IBM 402, wiegt rund 1,4 Tonnen und arbeitet ausschließlich mit Lochkarten. Moderne Software gibt es nicht. Die Daten werden auf Karten gestanzt, eingelesen und als Ausdruck auf Endlospapier ausgegeben.
Das Computer History Museum in Kalifornien versuchte mehrfach, das Unternehmen davon zu überzeugen, den Rechner ins Museum zu geben. Bislang ohne Erfolg.
- Vor 30 Jahren: Windows 95 startet durch
- Windows 1 bis 11: Die Geschichte von Windows – Bluescreens & Easter Eggs
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