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  "title": "Der Irrweg der Monokausalität",
  "content": "## Woran hat's gelegen?\n\n![](https://shimeji.us-east.host.bsky.network/xrpc/com.atproto.sync.getBlob?did=did%3Aplc%3Akvuusau3cidvwmbbmsmlryhb&cid=bafkreicirfv6pqixrfeagn7wgzjpbkksuvn5racz5hqkeqomgtv6sk4b54)\n\nWer kennt ihn nicht, den legendären Videoclip, in dem Stadionsprecher Torsten Knippertz als Fußballspieler angezogen scheinbar nach einem Spiel interviewt wird und sich knapp eine halbe Minute darüber auslässt, \"woran et jelegen hat\", ohne wirklich eine Antwort zu finden:\n\n> \"Woran hat's gelegen?\"\n\n> Ja jut wa: \"Woran hat et jelegen\"? Dat is natürlich immer so die Frage. Ich sach natürlich immer : \"Woran hat et jelegen?\". Äh - dat fragt man sich nachher natürlich immer woran et jelegen hat. Ich sach immer: Woran et jelegen hat, weißte nich immer - \"Woran hat et jelegen?\". Äh - Ja gut, ich sach ma so: \"Woran hat et jelegen?\" Da sacht man - nachher natürlich immer fragt man sich \"Woran hat et jelegen\" und fragt man sich immer wo dran et jelegen hat. - Isso\n\nDas ist ein amüsantes Beispiel dafür, wie man bei der Suche nach einer Ursache selbst ins Schleudern kommen kann, ohne die eine Antwort zu finden, die der Reporter vermutlich erhofft.\n\n### Bitte eine einfache Lösung\nWir sind es gewohnt, nach ***der einen*** Ursache zu suchen. Eine Ursache nur, das ist schön einfach. Der Computer funktioniert nicht? Aha, das Netzteil war es! Das war kaputt! Neues Netzteil oder repariert - schon geht alles wieder perfekt. \nDas Auto springt nicht an? Batterie leer! Kein Sprit im Tank! Eins davon muss es sein. Sonst ab in die Werkstatt. Die haben zwar eine Weile gesucht, aber am Ende lag es am Vergaser! Nur eine Ursache!\n\nSo lieben wir das. Monokausalität, schön einfach. Das ganze Leben ist praktisch easy, man muss nur jeweils wissen, woran's gelegen hat - dann kann man es auch easy geradebiegen!\n\nIn vielen Bereichen kann das funktionieren. Bei Technik besonders. Es ist ja Physik. Ursache und Wirkung. Wenn ich an diesem Knopf drehe, passiert hinten das. \n\nIn Biologie und Medizin funktioniert es schon seltener. Man hat Hunger, also isst man was. Aber wenn dir übel ist, muss es nicht am Hunger liegen. Man könnte auch krank sein. Aber bitte, liebe Ärztin, nur eine Krankheit, was einfaches. Pillen nehmen und gut, das wäre mir am liebsten.\n\n\n## Weg mit dem Faschismus! Aber wie?\n\nDass ich solch einen Text schreibe, hat natürlich auch einen Grund. Einen Auslöser, eine Ursache. \n\nKürzlich stellte ich auf BlueSky eine Hypothese auf: \n**Hätte man nicht so viel über die AfD geredet, sie nicht in jede Talkshow eingeladen, sie in sozialen Medien nicht überall zitiert, dann könnte sie heute viel weniger Prozente in Umfragen oder Wahlen haben.**\n\n(Dies ist die Kurzform. Der Thread findet sich hier: https://bsky.app/profile/coolisse.bsky.social/post/3lo63zsen422j )\n\nPrompt kamen Missverständnisse auf; die Ursache für ein Erstarken des Faschismus wäre doch nicht, dass man über eine Partei redet, sondern Neoliberalismus!\n\nUnd das ist auch richtig. Es ist aber eben nicht die ***alleinige*** Ursache. Ich war mir vorher nicht bewusst, dass meine Auslassungen so aufgefasst werden könnten, weil mir monokausales Denken fremd ist, wenn es um Gesellschaft und Politik geht.\n\nAber offensichtlich fasste man es trotzdem so auf. \n\n\n### Neoliberalismus schafft Nähboden für Faschismus\n\nNatascha Strobl berichtet davon, wenn sie darauf zu sprechen käme, das wolle dann niemand hören:\n<blockquote class=\"bluesky-embed\" data-bluesky-uri=\"at://did:plc:pldtqo5uzikrx5kx4fazcrmu/app.bsky.feed.post/3lnkr7qcyxs2b\" data-bluesky-cid=\"bafyreihucpm6vs3erg5emrr7ite36rswqmbzncx4dqkmseli4vrqkumlbi\" data-bluesky-embed-color-mode=\"system\"><p lang=\"de\">Ich werde sooft aktuell zu Faschismus interviewt und das freut mich. Aber wenn ich dann beim „was dagegen tun“-Teil sage, dass der Neoliberalismus die Bedingungen für den Faschismus schafft, dann schauen alle betreten, denn das will niemand hören.</p>&mdash; Natascha Strobl  (<a href=\"https://bsky.app/profile/did:plc:pldtqo5uzikrx5kx4fazcrmu?ref_src=embed\">@nataschastrobl.bsky.social</a>) <a href=\"https://bsky.app/profile/did:plc:pldtqo5uzikrx5kx4fazcrmu/post/3lnkr7qcyxs2b?ref_src=embed\">24. April 2025 um 14:59</a></blockquote><script async src=\"https://embed.bsky.app/static/embed.js\" charset=\"utf-8\"></script>\n\nBeim Lesen der Kommentare unter ihrem Beitrag drängt sich mir auf, anmerken zu wollen, dass es nicht ***den einen*** Faschismus gibt und man nicht alle Ausprägungen in einen Topf werfen kann. Der Faschismus im Deutschland der 30er Jahre war nicht nur machtgeprägt im Hinblick auf Reichtum, er war auch ausgelegt auf Aneignung von Boden, geprägt vom Krieg und kam auch nicht ohne Antisemitismus aus.\n\nDies soll hier aber keine Abhandlung über Begrifflichkeiten werden, keine Definition spezieller Begriffe sein (das können andere besser) und erst recht keine Uminterpretation solcher Begriffe versuchen. \nGanz im Gegenteil möchte ich lieber in direkter Sprache beschreiben, was ich meine, statt \"Neoliberalismus\" in den Raum zu werfen und zu unterstellen, jeder wisse schließlich, was genau das meint, \n\n**Also keine Angst; wenn Ihr bis hierhin gelesen habt und schon fast dabei seid abzubrechen - ich werde nicht weiter mit solchen Begriffen herumschmeißen.** \n\n\n## Okay, also woran liegt es denn nun?\n\nIch beobachte häufig, dass Diskussionen an folgenden Punkten abbrechen:\n- man ist sich über \"die Ursachen\" nicht einig\n- man ist sich über \"das eigentliche Problem\" nicht einig\n- man kann sich nicht auf \"die eine Lösung\" einigen\n\nAls Beispiel möge die Kritik an meiner Hypothese gelten. Irgendwie schien der Eindruck entstanden zu sein, da ich nur einen Punkt als Problem herausgegriffen hatte (\"man redet zu viel über die AfD\"), ich würde dadurch andere Probleme entweder nicht sehen oder negieren, weil ich nur eines beschrieb.\n\nMit geht's hier allerdings nicht um mich. Überhaupt nicht. Aber dass dieser Effekt auftritt, lässt sich häufig beobachten. Die Beteiligten werfen anderen unbewusst vor, andere Dinge gar nicht zu berücksichtigen, nicht zu sehen, nur weil sie gerade auf diesem einen Punkt herumreiten, egal ob es Ursache, Problem oder Lösungsansatz ist.\n\nUnd da wären wir schon bei der Monokausalität angelangt - die zwar niemand für sich selbst als zutreffend annehmen würde und auch vehement abstreiten würde, so zu denken . es ist doch klar, dass in komplexen Systemen nichts nur eine Ursache habe, das wisse man - aber unbewusst dennoch direkt unterstellt, dass die Gegeseite das offenbar so sehe. Dass man so urteilt, bemerkt man leider oft selbst nicht, aber man könnte darauf kommen, dass das Gegenüber vielleicht tatsächlich auch Dinge berücksichtigt, die das Gegenüber nicht erwähnt und die deshalb docht nicht stehen, wenn man sich etwas Zeit nimmt und nicht gleich Ignoranz oder Dummheit unterstellt.\n\n(einkürzen)\n\nDas Ganze hier soll keine Kritik an mangelhafter Kommunikation sein. Aber es soll aufzeigen, wo ein wirkliches Problem beim Erstarken des Faschismus liegen könnte: Dass man nicht mehr miteinander spricht und darum die auslösenden Faktoren selbst nicht mehr bemerken kann.\n\nEs gibt, sagen wir mal, \"Fraktionen\". Die eine Fraktion, die meint: \"Okay, die AfD ist voll scheiße, aber die Wähler sind sicher nicht alle Nazis\" - und die andere Fraktion, die sagt: \"Alter du bist voll bescheuert! Wer Faschisten wählt, ist eindeutig selbst einer! Weg damit, blocken und gut!!\"\n\nAn diesem Punkt sehe ich jetzt schon Leute aufbrausen. \"Ach so jemand bist Du! Verständnisvoll und so! Man muss zuhören! Hau bloß ab!\". Hier schließt sich der Kreis bereits - denn die eigentliche Erklärung, die kommt jetzt.\nEs ist wieder dieses monokausale Denken, das man sich an diesem Punkt selbst als Knüppel zwischen die Beine wirft und damit nicht nur \"die Feinde\", sondern sich selbst auch davon ausschließt, die tatsächlichen Probleme zu erkennen. Und dann wird's auch nichts mit einer Lösung des Problems.\n\nWie eingangs dargelegt, gibt es nicht nur \"den Faschismus\". Es existieren Auspägungen, es existieren diverse Ursachen (Neoliberalismus ist eine davon), es gibt Faschismus mit viel Rassismus und welchen, bei dem Rassismus nur als Begleiterscheinung hingenommen wird.\n\nHar man einmal akzeptiert, dass Neoliberalismus eine Ursache ist (also dass Leute unzufrieden sind, weil Reiche immer reicher werden, weil sie selbst schlecht zurecht kommen, weil die Schere größer wird, weil durch fehlenden, staatlichen Eingriff zur Kontrolle ungehindert wuchernder Wirtschaft das Geld immer weniger bei dem arbeitenden Teil der Bevälkerung landet), dann muss man auch sehen, dass Rassismus hier in erster Linie nichts damit zu tun haben muss. Nicht zwangsläufig. Er wird aber als Erscheinung offensichtlich mit akzeptiert. \n\nVersuchen wir eine Kontrollbetrachtung: Wäre aus dieser Situation der Rassismus plötzlich verschwunden, gäbe es dann trotzdem noch unzufriedene Leute? Ja, es gäbe sie - weil die Ursache eben nicht Ausländer sind,. Weil die Ursache in fehlender, sozialer Sicherheit begründet liegt. \n\n",
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