Tag 2: Brno
Le Chat à Vélo
June 13, 2026
Wenn der Wecker um 8 klingelt und wir freiwillig aufstehen, und das auch noch an einem Samstag, dann sind wir auf Urlaub. OK, es war jetzt nicht ganz so, dass wir freudig juchzend aus dem Bett gesprungen sind, aber wenn man ein Ziel hat, dann kommt man auch irgendwie in die Vertikale und zum absurd ausgiebigen Frühstücksbuffet. Das Hotel liegt strategisch günstig für den heutigen Tag, einen Steinwurf entfernt vom zentralen Freiheitsplatz in Brno. Den Stein könnte man übrigens einer aus einer der zahlreichen Baustellen nehmen, die Stadt wird derzeit an allen Ecken aufgerissen und bekommt neue Leitungen. Ob sie irgendwann auch einen neuen Bahnhof bekommt, ist noch nicht so klar, aber falls man bei der Gelegenheit auch die Verkehrsorganisation vor dem alten Bahnhof angreift, gibt das ein Verkehrschaos. Dort verlaufen bis zu 6 Strassenbahngleise in einem interessanten Zopfmuster, das an einen irischen Pullover erinnert, dazwischen Fussgänger*innen, Autos und Taxis. Das funktioniert solange niemand die Frage stellt, warum es funktioniert oder gar versucht das Funktionieren in Regeln zu giessen. Die Strassenbahn ist hier in der Stadt nicht nur das wichtigste Verkehrsmittel des ÖPNV – über 200 Millionen Fahrgäste werden bei rund 400.000 Einwohner*innen von Bus und “Šalina” (Strassenbahn) befördert – und sie hat auch eine ganze Menge eingefleischter Fans. Die versammeln sich heute auf dem Freiheitsplatz und in der angrenzenden Fussgängerzone zum Hochamt der mährischen Ferrophilen: es ist “Transport Nostalgie” und man hat in den letzten Tagen noch Busse und Strassenbahnen aus dem Depot auf Hochglanz poliert. Hochglanz ist wörtlich zu verstehen, da ist kein Staubkorn auf dem Blech zu sehen, sogar die Dampftramway “Caroline” und das Fell der “Motoren” der Pferdestrassenbahn glänzen in der Vormittagssonne. Wir schreiten die Parade ab und nehmen im zweiten Zug Platz, in einem Beiwagen aus 1926, gerade noch rechtzeitig bevor ein Regenguss versucht die Stimmung zu verderben. Erfolglos, denn um tschechische Strassenbahnfans in ihrer Funktionskleidung zu vertreiben muss man sich mehr einfallen lassen als einen 5 Minuten dauernden Guss. Und auch die frisch geputzten Chassis der historischen Fahrzeuge nehmen es nicht übel. Dafür aber hat es jetzt im Wagen ca. 100% Luftfeuchtigkeit, während wir an den Stadtrand ins Strassenbahndepot zuckeln. Im Strassenbahndepot hinter dem Messegelände ist Endstation, wenn man nur ein einfaches Ticket gebucht hat. Das haben wir, weil wir darauf spekuliert haben, dass wir dort einen Platz in der “Caroline” ergattern, und tatsächlich: wir haben Glück und werden auf der Rückfahrt im schnaufenden und stampfenden Gefährt aus 1889 von Hunderten Menschen auf Fotos gebannt. Es ist aber auch ein Spektakel, wenn die “Caroline” ihre Runde durch die Stadt dreht: sie pfeift ohrenbetäubend, faucht und stinkt und hat gleich drei Begleitfahrzeuge dabei: eine vorausfahrende “normale” Strassenbahn, die ihr die Weichen stellt, die Feuerwehr und die Polizei, die die Seitenstrassen absperrt. Aber wo sonst in Mitteleuropa kann man so ein Fahrzeug in echt erleben statt nur im Depot stehen sehen? Die nächste Station ist dann wieder in der Stadt am unpraktischen Bahnhof. Hier fährt heute eine weitere schwarze Schönheit in Dampf: eine Baureihe 475.1, bekannt unter dem Namen “Šlechtična” (Edelfrau), ein Modell aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, also ganze zwei Generationen jünger als die “Caroline”. Hier hat es leider keinen Sinn auf Tickets zu spekulieren, die hätte man vorher buchen müssten, was wir natürlich nicht getan haben, weil wir erst gestern erfahren haben, dass es diese Sonderfahrt gibt. Macht nichts, wird es wieder geben, und wir haben die Gelegenheit am Bahnhof rumzustehen und einer “Taucherbrille” beim Rangieren zuzusehen und die Eisenbahnfans zu beobachten, wie sie sich in Stellung bringen für die Ausfahrt des Stars. Wenn die “Caroline” ein Sopran ist, dann hat die “Šlechtična” eher die Stimme von Tina Turner: tief, rauh und ohrenbetäubend laut. Man mag sich nicht in ihrer Nähe aufhalten, tut es aber trotzdem. Mit der Tramway Parade ist das Technische Museum Brünn in die Stadt gekommen, aber nicht die gesamte Sammlung ist mit dabei. Es gibt draussen am Stadtrand das eigentliche Haus und dort fahren wir heute auch noch hin. Es hat eine recht interessante Sammlung: ein Teil ist eingerichtet wie eine Gasse aus der Zwischenkriegszeit mit Gewerbebetrieben, einem Wirtshaus und einer Zahnarztpraxis mit ihren technischen Gerätschaften. Mehr Heimatmuseum als technisch, aber sehr hübsch gemacht. Daneben eine Abteilung über Blindenschrift, -druck und -schule, und Radios und Telefone. Autos und Motorräder haben eine eigene Abteilung, aber leider hat die Ausstellung eine kleine, für uns aber leider sehr relevante Schwäche: sie ist auf Tschechisch. Bis auf wenige Ausnahmen nur auf Tschechisch, nur der temporäre Teil über Metallverarbeitung ist auch auf Englisch beschriftet, aber auch das leider nur zur Hälfte. Im Untergeschoss reicht es uns dann mit den Texten, wir bemühen Google Translate, denn hier wird es wirklich nett: eine Sammlung historischer Rechenmaschinen (analog und digital) und mehrere Computersysteme aus den 70er und 80er Jahren wecken unser Interesse. Diese Maschinen stammen teilweise aus westlicher Produktion (HP, Digital, IBM), waren aber schon zu Zeiten des Ostblocks in der Tschechoslowakei im Einsatz, es gibt aber auch tschechische und auch sowjetische Systeme zu sehen. Mannshohe, schrankbreite Rechenanlangen, aber auch frühe PCs und die ganze Riege der Homecomputer der 80er Jahre (Sinclair, Commodore etc.), Spiele, Medien und auch so profane Dinge wie Tastaturen und Mäuse. Wir haben wohl fast eine Stunde im Untergeschoss zugebracht, wo auch noch eine Sammlung historische Elektronenmikroskope präsentiert wird. Leider keine Texte in Fremdsprachen, seufzt der Museumsaufseher und wir seufzen mit, denn während wir von historischen Computern noch halbwegs etwas verstehen, hätten die Erläuterungen und Grafiken bei den Elektronenmikroskopen sehr geholfen. Wenn es denn wenigstens die im Museum angekündigte App gegeben hätte, doch der Link geht ins Leere. Wer tschechisch lesen kann: das Untergeschoss ist sehr zu empfehlen! Nach drei Stunden im Museum geht es wieder in die Stadt. Wir haben müde Beine, brauchen ein Eis und dann ein Bier. Oder zwei. Oder auch drei? Die Fotos Meow Gallery: The gallery is empty.
Discussion in the ATmosphere