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"textContent": "Unlängst waren wir im Kaffeehaus und haben getan, was man im Kaffeehaus halt so tut: Kaffee trinken und das Gespräch am Nachbartisch möglichst unauffällig belauschen. Das geht am besten in die Lektüre einer Zeitung vertieft, doch was tun, wenn alle anständigen Zeitungen besetzt sind und nur noch das Raiffeisen-Zentralorgan verfügbar ist? Man liest also einen Kurier und überraschenderweise findet sich darin ein interessanter Artikel über ein gerade erst herausgekommenes Buch der ehemaligen Kurier-Journalistin Martaretha Kopeinig: “Jüdisches Burgenland”. Will ich haben, ist bei der Buchhandlung unseres Vertrauens sogar lagernd und inzwischen schon fast fertig gelesen. Es ist nämlich keine umfassende wissenschaftliche Abhandlung zum Thema, sondern nur rund 160 Seiten mit einem geschichtlichen Abriss, einem Schwerpunkt auf der NS-Zeit und Portraits der Siebengemeinden. Gerade wegen seiner Kürze ist das Buch leicht lesbar und eine gute Einführung ins Thema. Und für uns ist es der Anlass mit anderen Augen durch eine Region zu fahren, die wir schon unzählige Mal besucht haben, und uns auf die Suche nach einer verborgenen burgenländischen Geschichte zu machen, die man nur sieht, wenn man sie kennt. Da wir nicht davon ausgehen können, dass alle, die unseren Blog lesen, wissen, was die “Siebengemeinden” sind, muss ich das wohl kurz erklären. Im Jahr 1670 liess der Kaiser die in Österreich unter der Enns (das ist das heutige Niederösterreich inkl. Wien) lebenden Juden vertreiben. Sie gingen unter anderem nach Mähren und ein paar auch nach Berlin, konnten zwar schon nach wenigen Jahren zurückkehren, aber nicht wenige Familien liessen sich in der Folge im heutigen Burgenland nieder, wo der Fürst Esterházy ihnen in sieben seiner Gemeinden die Ansiedlung erlaubte. Auch wenn der Fürst das nicht ganz uneigennützig tat und die Schutzbriefe mit der Zahlung von ordentlich Abgaben und Schutzgeld verbunden waren, bildete sich unter dem Schutz der Esterházy in den sieben Gemeinden Eisenstadt, Mattersburg, Kittsee, Lackenbach, Deutschkreutz, Frauenkirchen und Kobersdorf ein Archipel jüdischer Kultur und Gelehrsamkeit, das in der damaligen jüdischen Welt u.a. für seine Rabbinerausbildung weithin bekannt war. Eines dieser Zentren befand sich in Mattersburg, das damals noch Mattersdorf hiess. Scheinbar hatte der Ort im Zuge der Erhebung zur Stadt ein wenig Komplexe wegen des an die dörfliche Vergangenheit erinnernden Namens, daher wurde in den 1920er Jahren auch gleich der Name in Mattersburg geändert. Düsseldorf scheint dieses Problem weniger zu haben, aber die sind ja auch Gross- und Landeshauptstadt. Mattersburg also. Anfang des 19. Jahrhunderts gab es hier ein jüdisches Stadtviertel für gut 800 Personen, Synagoge, Jeschiwa, und die sonst notwendige Infrastruktur. In den 1930er Jahren war die Zahl der Bewohner*innen auf rund 500 zurückgegangen, viele waren nach Wien oder gleich nach Übersee ausgewandert als sie nicht mehr gezwungen waren in den Kleinstädten zu bleiben. Mit dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Österreich im März 1938 begann gleichsam noch am selben Tag die Vernichtung der jüdischen Kultur in den burgenländischen Gemeinden, so auch in Mattersburg. Die Vertreibung war hier so schnell, brutal und effizient wie davor in keiner Region Deutschlands, so als hätte man aus dem Burgenland eine “Modellregion für Entjudung” machen wollen. Die Menschen wurden verhaftet, zur Unterzeichnung von Verzichtserklärungen für ihre Vermögen gezwungen und aus dem Land vertrieben. Viele gingen nach Wien und konnten von dort aus nach Palästina, in die USA oder sonstwohin fliehen. Binnen weniger Wochen und Monate war das Burgenland de facto “judenfrei”. Schon vor dem Novemberpogrom 1938 war die jüdische Gemeinde von Mattersburg zerstört, ihre Gebäude wurden dann zwei Jahre später gesprengt, darunter auch die alte Synagoge und die Jeschiwa. Der Friedhof wurde geschändet, der Grossteil der Steine geraubt und zweckentfremdet, aber der Friedhof existiert noch. Wir sind jahrelang in unmittelbarer Nähe daran vorbeigefahren, denn er liegt am dem Radweg gegenüber liegenden Ufer der Wulka hinter einer Häuserzeile. Wir haben ihn nicht gesehen, wir haben auch nicht gewusst, dass es ihn gibt. Uns wäre auch nie ein Hinweisschild aufgefallen. Heute waren wir dort, wie auch auf dem Platz, auf dem bis 1940 die Synagoge gestanden hat, und auf dem sich heute ein Denkmal für die Gemeinde befindet. Sonst ist uns im Stadtbild kein Hinweis auf die früheren jüdischen Bewohner*innen aufgefallen, das Thema scheint nicht sehr präsent zu sein. Auch in Deutschkreutz gab es bis 1938 eine jüdische Gemeinde, die zu ihren Hochzeiten um die Mitte des 19. Jahrhunderts fast 40% der Bevölkerung ausmachte. Auch hier ist der Friedhof das einzige wirklich sichtbare Relikt dieser Gemeinde, denn auch in Deutschkreutz, hebräisch “Zelem” wurden die Synagoge und das jüdische Zentrum 1941 buchstäblich gesprengt. Die Vernichter gingen mit solcher Vernichtungswut vor, dass sie zu viel Sprengstoff verwendeten und eine junge Zuseherin von einem der dadurch in die Luft geschleuderten Steine erschlagen wurde. Auch Deutschkreutz war ein Zentrum der Gelehrsamkeit gewesen, aber auf Synagoge und Jeschiwa weist heute nur noch eine Tafel vor dem Goldmark-Museum hin. Die Gebäude sind weg, die Grundstücke neu bebaut und auch an den Häusern, die aus der Zeit vor 1938 stammen, gibt es keine Hinweise auf ihre Geschichte, so z.B. an der Ortsvinothek, deren Gebäude einem jüdischen Weinhändler gehört hatte. So froh wir sind, dass es heute zumindest das Goldmark-Museum, die Gedenktafeln und die restaurierten Friedhöfe gibt, so erstaunt sind wir darüber, dass es uns mitten in den ehemaligen jüdischen Vierteln der beiden Orte sonst eigentlich nicht auffällt, dass es sich um solche handelt. Man würde erwarten vor jedem Haus auf Stolpersteine zu treffen oder auch Erinnerungspfade mit ‘wie sah das vor 1938 aus’ Bildern. Nicht aus Nostalgie sollte es diese Tafeln geben, denn dafür gibt es keinen Grund, sondern aus echtem Interesse an diesem Aspekt der Geschichte der Region. Bei uns ist das Interesse jetzt geweckt, ich glaube wir werden an in diesem Blog noch öfter darüber berichten. Die Fotos",
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