Klimajournalismus als Zeitgeschichtsschreibung – 8 Thesen

Heinz Wittenbrink November 1, 2025
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Seit mehreren Jahren verfolge ich die Klimaberichterstattung einiger Tageszeitungen. Die folgenden Thesen sind ein Ergebnis dieser Lektüre. Ich formuliere sie provisorisch als Ausgangspunkt für Diskussionen. Sie sind vor allem von Albert Camus’ Verständnis des Journalismus als Geschichtsschreibung und von Bruno Latours Arbeiten zur Geschichtlichkeit Gaias abhängig. Klima- und Umweltjournalismus unterscheiden sich von anderen Bereichen des Journalismus, weil das Erdsystem als etwas historisches ihr zentraler Gegenstandsbereich ist. (Ich verwende „Erdsystem“ als Synonym für das, was Lovelock und Latour „Gaia“ nennen, für die Biosphäre und die vom Leben selbst erzeugten Voraussetzungen des Lebens.) Sie setzen die wechselseitigen Abhängigkeiten der Geschichte des Erdsystems und der Geschichte der menschlichen Gesellschaften und damit die „Anthropozän-Situation“ voraus. Zu den Voraussetzungen des Klima- und Umweltjournalismus gehört damit, dass sich die biophysikalischen Prozesse, durch die das Leben seine Voraussetzungen erzeugt und erhält, durch die Nutzung fossiler Energien und eine extraktivistische, ökologisch ungerechte Wirtschaft nicht mehr in den relativen (im Vergleich zu den Phasen davor und danach) Gleichgewichtszuständen des Holozän befinden. Als Zeitgeschichtsschreibung verfolgen Klima- und Umweltjournalismus die Ereignisse und Prozesse, die möglich geworden sind, weil die Geschichte des Lebens und die menschliche Geschichte aneinander gekoppelt sind. Wie jede Zeitgeschichtsschreibung finden sie im „Dunkel des gelebten Augenblicks“ (Ernst Bloch)1 statt. Ihre wichtigsten Gegenstände sind offene Prozesse und unerwartete Ereignisse. Sie erschließen diese Vorgänge und Ereignisse und stellen deren Konsequenzen und Relevanz dar. Klima- und Umweltjournalismus sind damit mehr als Teile eines Wissenschaftsjournalismus, der vor allem Forschungsergebnisse verständlich macht. Als Geschichtsschreibung leisten sie etwas anderes als naturwissenschaftliche Arbeit, auch wenn sie mit ihr eng verbunden sind. Ihr Fokus liegt auf komplexen und kontingenten2 Ereignissen und Situationen, auf Geschichten und Räumen, nicht auf Gesetzen und Systemen. Als Zeitgeschichtsschreibung wenden sie sich an Zeitgenoss:innen. Sie aktivieren, weil sie Handlungsmöglichkeiten und Handlungsnotwendigkeiten aufzeigen. Diese Aktivierung findet durch Recherche- und Vermittlungsarbeit zu kontingenten Fakten statt, nicht nur als Appell, wissenschaftliche Ergebnisse ernst zu nehmen. Klima- und Umweltjournalismus sind damit nicht von anderen Gebieten des Journalismus zu trennen. Wenn die redaktionelle Arbeitsteilung dazu führt, dass wirtschaftliche oder politische Themen unabhängig von den Themen des Klima- und Umweltjournalismus behandelt werden, werden relevante Fakten verkürzt und damit unjournalistisch dargestellt.

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