Campfire Tales, Call of Cthulhu, Rezension
Campfire Tales (Lagerfeuergeschichten) bietet mehr als Wandern, Knoten machen und Feuer anzünden. Denn was wäre, wenn die Nacht allein im Wald, ganz ohne Erwachsene, plötzlich zum Horror würde?
Campfire Tales, Untertitel «Scouts Against Cthulhu» ist soeben bei Chaosium Inc. erschienen. 180 Seiten, Hardcover mit Lesebändchen. Nice! Sechs Jahre hat es laut Cthulhu-Chef Mike Mason von der Idee bis zum fertigen Buch gebraucht. Und die Idee ist gut. So wie das Buch.
Wer wie ich früher fleissig TKKG und Drei??? gelesen hat, wer wie ich ein Fan von Tales from the Loop und den Anfängen von Stranger Things ist, wer früher bei den Pfadfindern oder einer ähnlichen Gruppierung war, wer Jugenddetektive und paranormale Vorkommnisse so sehr mag, wie ich, wird an diesem Buch seine wahre Freude haben.
Bei mir treffen alle diese Dinge aufeinander, plus ich übernachte gerne im Wald und auf Bergen, bin also ein Outdoor-Freak und Waldbewohner, wie hier einmal angedeutet. Wie zu Rollenspiel-Philosophie halte ich auf Anfrage Vorträge zum Thema Outdoor, Mikro-Abenteuern und Bushcraft. Also ist Campfire Tales für meine Wenigkeit ein Treffer ins Schwarze.
Image: Chaosium Inc.
Natürlich spielt man hier amerikanische Scouts, die Hüte tragen und das Camp morgens mit der Signaltrompete wecken. Das ist für uns Europäer vielleicht etwas exotisch und gar nicht so einfach zu replizieren, weil wir uns darin zu wenig auskennen. Aber spielt es denn eine Rolle? Wissen wir denn zu hundert Prozent, wie man sich 1921 gekleidet hat? Wie es sich anfühlte ein Auto von damals zu fahren? Nö und wir haben trotzdem mordsmässigen Spass mit Call of Cthulhu.
Pfadfinder-Abzeichen
Campfire Tales bringt zum Glück und auch logischerweise kleine Änderungen zum Standard-Call-of-Cthulhu mit sich. So können Kinder andere Dinge als Erwachsene und Pfadfinder bekommen selbstverständlich Abzeichen. Es gibt Abzeichen, die den Rang angeben und Abzeichen, die für besondere Fertigkeiten stehen. Wer beispielsweise den Rang eines Rangers hat, bekommt einmal pro Szenario einen Bonuswürfel auf eine Fertigkeit ihrer Wahl. Wird die Probe nicht geschafft, bleibt der Bonuswürfel für eine spätere Probe erhalten.
Image: Chaosium Inc.
Ausserdem bekommen die Pfadfinder besondere Skills wie Radfahren und Signalgeben, weil Morsen doch hier Pflicht ist. Das Überleben im Wald bringt weitere regelmässige Proben für Hunger, Kälte, Orientierungslosigkeit oder zu viel Gepäck mit sich.
Gespielt wird in dem erfundenen Dorf Westhaven, die sich etwa eine Autostunde westlich vom ebenfalls erfundenen Arkham entfernt befindet. Die Gegenspieler der Charaktere sind eine andere Pfadfindertruppe aus Westhaven, namens «The Stumbling Moose Squad» (etwa «Trampel-Elch-Bande»). Sechs Kids mit Bild, Namen, Eigenheiten und Werten.
Reichhaltig illustriert
Selten (oder nie?) habe ich in einem Cthulhu-Buch so viele Illustrationen gesehen, auf denen kein Mythos-Monster zu sehen war und niemand eine Feuerwaffe trug. Vieles sieht hier gar recht idyllisch aus. Es gibt Bilder von Badges, Kindern, viele Karten, Gewässer, Zelte, Porträts und Camping-Bilder.
Image: Chaosium Inc.
Was nicht gut gelungen ist: Die Illustrationen/Porträts der NSC passen manchmal überhaupt nicht zum angegebenen Alter. Ein 38-Jähriger sieht älter aus als der 54-Jährige auf der Seite gegenüber und der 68-Jährige könnte auch als 50 durchgehen.
Die Pfadfinder-Abenteuer
Im Buch sind vier Szenarien, die entweder einzeln, in jeweils ein bis zwei Sessions, oder zusammenhängend als Kampagne gespielt werden können. Sie alle sind gruselig und enthalten paranormale Vorkommnisse, enthalten aber weder Cthulhu selbst (zum Glück!), noch bekannte Mythos-Monster. Ich persönlich finde das sogar prima, da gewöhnliche erwachsene Privatdetektive schon keine Chance gegen den Mythos haben, da sollte man ganz sicher keine Zwölfjährigen ins Verderben schicken. Im Gegensatz zu Tales from the Loop könnten die Kids hier allerdings ohne Weiteres draufgehen. Vorsicht ist also geboten.
In den Abenteuern geht es natürlich um Wälder, Biwak-Übernachtungen in schwärzester Nacht, einsame Blockhütten, eine gruselige Mansion, ägyptische Artefakte, eine Goldmine, Geisterwesen und ungewisse Ruderbootfahrten auf dem See. Ich denke, ich weiss nach diesem Buch, was wir in unserer jährlichen Halloween-Session spielen werden. Letztes Jahr spielten wir «Die Mutprobe» ((LINK)), was ein ziemlich heftiges Abenteuer war. Auch dort spielt man Kinder. Und… einfache Frage… Wer ist noch hilfloser, als erwachsene Menschen, die Pistolen abfeuern und Fluchtfahrzeuge steuern können? Kinder! Die können bloss Fahrradfahren und Steine werfen.
Image: Chaosium Inc.
Fazit
Das gegen die 200 Seiten starke Buch ist ein Leckerbissen für Cthulhu-Fans, besonders, wenn auch nur eines der eingangs beschriebenen Themen bei dir anklingen. Das besondere Setting, die Altersstufe, die Abwesenheit von Eltern und die rufende Wildnis bieten sich geradezu an, um ein wenig Horror zu erfahren.
Eine Wanderung ins Nichts, Übernachten unter einer lumpigen Zeltplane im dunklen Wald, Gruselgeschichten am Lagerfeuer, weit und breit kein Erziehungsberechtigter und keine Zivilisation. Ideal! Der Rucksack ist gepackt, die Uniform sitzt, wir sind bereit für kindischen Schabernack und kaum vorhandene Survival-Skills. Lasset uns wandern gehen!
Image: Chaosium Inc.
Der Beitrag Campfire Tales, Call of Cthulhu, Rezension erschien zuerst auf Penandpaper.blog.
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