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Berichte über den Tod der Apple Watch sind stark übertrieben

Macwelt – News, Tipps und Tests von Apple-Experten [Unofficial] May 20, 2026
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Anfang Mai beschwerte sich der Macworld-Kollege Michael Simon, dass Apple jegliche Ideen für die Apple Watch ausgegangen sind. Nach gängigen Gerüchten plant Apple ein neues Zifferblatt „Modular“, das von der Ultra auf die kleineren Apple Watches kommt. „Für viele Apple-Watch-Nutzer wird es jedoch nur ein recyceltes Zifferblatt sein und ein weiteres Jahr des Wartens auf etwas wirklich Neues, das man gerne nutzt.“

Stagnation seit vier Jahren

Die Situation mit dem neuen Zifferblatt fasst die Entwicklung der letzten Jahre bei der Apple Watch gut zusammen: Seit der Vorstellung der Apple Watch Ultra im Herbst 2022 gibt es nur wenig Neues auf der Hardware-Front von Apple, das Produkt scheint seit Jahren zu stagnieren.

Während Apple mit der Apple Watch Series 4 ein Ein-Kanal-EKG gebracht hat, mit der Series 5 das Always-On-Display, mit der Series 6 die Blutsauerstoffmessung, und mit der Series 8 den Temperatursensor, gab es seitdem keine nennenswerten Änderungen bei den Gesundheitsfunktionen. Besserer Prozessor hier, effektivere Ladung da – das sind nicht die Ankündigungen, die das Publikum vom Hocker reißen.

Okay, Apple hat bei einigen Modellen die Preise etwas gesenkt. Die Apple Watch Ultra kostet jetzt 899 Euro, gegen 999 Euro noch beim ersten Modell. Auch die Apple Watch SE 3 ist etwas günstiger geworden. Die schon lange gewünschte Blutdruck-Funktion hat sich ebenfalls als wenig spannend herausgestellt. Statt einer Messung des Blutdrucks kann die Apple Watch anhand algorithmischer Berechnungen ihre Anwender vor möglichen Blutdruckerhöhungen warnen.

Weder ist die Funktion an sich so spektakulär wie das EKG auf der winzigen Uhr, noch sind die Folgen von Bluthochdruck erst nach Jahren zu spüren. Dramatische Lebensrettungen sind damit nicht möglich. Was natürlich nicht heißt, dass die Blutdruckwarn-Funktion Tausenden von Menschen das Leben erleichtert und sie vor vielen schwierigen Krankheiten bewahrt oder zumindest den Eintritt dieser erheblich verzögert.

Zwei mögliche Gebiete für den Durchbruch

Die schlecht eingedeutschte Metapher über den Elefanten im Raum hat hier ihre Berechtigung: Die Apple Watch schleppt ein ungelöstes Problem mit sich, über das sich die Leute ebenso ärgern wie über Steuern oder den Rundfunkbeitrag. Es wäre aber schön, fände Apple eine Lösung für die recht kurzen Akkulaufzeiten – eine Apple Watch muss jeden Tag oder alle zwei Tage an die Ladeschale, je nach Modell.

Tatsächlich hat Apple den Akku nach und nach deutlich vergrößert und verbessert. Die rein rechnerischen Größen anhand von behördlichen Dokumenten veröffentlichen wir regelmäßig bei Macwelt. Aber auch funktionell gesehen strapazieren den Akku heute deutlich mehr Hintergrundaktivitäten als noch bei der Series 1: Neben einer gewöhnlichen Pulsmessung misst die Uhr Bewegung, Schlaf, Temperatur (in der Nacht), hört kontinuierlich auf die Geräusche im Hintergrund, ganz zu schweigen von den vielen Komplikationen und Daten, die vom iPhone ankommen.

Sogar Siri funktioniert seit einigen Betriebssystemversionen auf dem Gerät. Doch Apple verfolgt bei der Apple Watch seit mehreren Jahren den gleichen Ansatz: Wenn man sich zwischen dem Komfort sowie mehr Funktionen und einem besseren Akku entscheiden muss, entscheidet sich Apple für Komfort und mehr Funktionen.

Die Verbesserungen des Prozessors sowie das Akku-Finetuning werden regelrecht durch „Always On“, Messungen und Auswertungen „gefressen“. Eben deswegen entsteht der Eindruck, dass der Akku bei der Apple Watch seit Jahren stagniert. Tatsächlich wurde die Batterie kontinuierlich besser.

Blutzucker

Der Akku ist zwar besser geworden, doch nicht gut genug, um die Kunden zufrieden zu stellen. Schließlich gibt es Konkurrenten auf dem Markt, die zwei Wochen Nutzung ohne Aufladung zwischendrin versprechen. Was Apple neben einem besseren Akku helfen kann, ist die nichtinvasive Blutzuckermessung. Der Markt für diese Technologie ist schon jetzt riesig und wird in den kommenden Jahren weiter wachsen.

Doch weder Apple noch die Konkurrenz haben bislang etwas Vergleichbares vorgestellt, was den Blutzuckerspiegel zuverlässig messen könnte. Geforscht wird seit mehr als zehn Jahren, doch eine Technologie, die die Überprüfung der Gesundheitsbehörden überstehen würde, ist bisher nicht in Sicht. Dass das Problem nicht so trivial ist, zeigt die letzte Veröffentlichung des französischen Gesundheitsspezialisten Withings: Sein U-Scan Reader kann unterschiedliche Mikroelemente im Urin feststellen, den möglichen Zuckergehalt jedoch nicht.

Projekt Maulbeere

Was bislang noch nicht klar ist: In welchem Umfang verwirklicht Apple sein Projekt Mulberry für die Apple Watch und Health auf dem iPhone, und ist das überhaupt der Plan? Verschiedenen Gerüchten zufolge ist das ein interner Name für eine gesundheitsorientierte Anwendung bei Apple. Health+ oder Ähnliches wird die neue Funktion höchstwahrscheinlich heißen.

Laut den Quellen soll Health+ anhand der gesammelten Gesundheitsdaten weiterführende Analysen durchführen und dem Nutzer oder der Nutzerin Ratschläge unterbreiten, wie man eigene Gesundheit, eigenes Fitness-Niveau oder allgemeinen Lebenszustand verbessern kann. Bislang wurde davon gemunkelt, dass Apple den Dienst als eine Art Abo anbietet.

Doch wie wäre es damit, wenn Apple seinen neuen digitalen Coach zunächst im Probezeitraum kostenlos allen zur Verfügung stellt? Ähnlich wie bei der Einführung von Apple Music, Apple TV+ oder der Satellitenkonnektivität bei den iPhones und Apple Watches? Apple stünden sofort unzählige Datenpunkte zur Verfügung, womit man die eigenen Algorithmen verbessern kann. Die Nutzer konnten die neue Funktion ausprobieren und vielleicht auf den Geschmack kommen, ihre Apple Watch öfter zu tragen.

Fazit

Um wieder auf die Kritik des Kollegen zurückzukommen: „Wirklich Neues, was man gerne nutzt“ ist natürlich das beste Kaufargument für ein neues Modell. Doch meines Erachtens hat die Apple Watch in einem Jahrzehnt ihrer Existenz die Grenzen der Technologie gesprengt und bewegt sich jetzt Richtung Lebens- oder vielmehr Gesundheitsbegleiter.

Während man die Computer, wovon die Apple Watch zweifelsohne stammt, immer wieder an ihrer Leistung und an Prozessoren und an besseren Displays misst, und immer wieder bessere, höhere, längere Werte wünscht, sind diese Kriterien auf eine Apple Watch nicht so richtig anwendbar.

Apple und auch andere Hersteller haben den richtigen Punkt der Miniaturisierung der Geräte erreicht. Noch kleiner sind die Airpods, aber sie haben kein Display, keine Knöpfe und deswegen keine so richtige Bedienoberfläche. Während man mit der Apple Watch selbstständig einkaufen oder joggen kann, sind Airpods ohne Verbindung zu einem Host-Gerät buchstäblich verloren.

Wenn man sich die Uhrenindustrie anschaut, lachen wohl die schweizerischen Uhrenmacher über die Probleme der Apple Watch. Keine neuen Funktionen? Versucht mal, eine erfolgreiche Industrie auf dem gleichen 12-Stunden-Zifferblatt aufzubauen, das schon seit zweihundert Jahren existiert.

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