Rezension: „Apple – Die ersten 50 Jahre” von David Pogue
Am 1. April feierte Apple seinen 50. Geburtstag und David Pogue hat pünktlich dazu ein Buch geschrieben, das die definitive Geschichte des Unternehmens sein soll. 608 Seiten, 360 Farbfotos, 150 Interviews mit Zeitzeugen.
Sofortiger NYT-Bestseller, Lob von Guy Kawasaki bis John Gruber, und ein Autor, der Apple seit Jahrzehnten aus nächster Nähe begleitet: 13 Jahre Macworld-Kolumnist, 13 weitere bei der New York Times, über 120 Bücher zu Apple-Themen. Wenn jemand dieses Buch schreiben kann, dann Pogue. Die deutsche Ausgabe erscheint am 12. Mai – genug Zeit, um vorher zu wissen, was einen erwartet.
Das Buch als Objekt: ein echtes Erlebnis
Fangen wir mit dem an, was unbestreitbar gelingt. Das Buch ist großformatig, schwer, durchgehend in Farbe gedruckt, optisch schlicht und außergewöhnlich. Frühe Werbematerialien, Entwicklerfotos aus den Achtzigern, Archivaufnahmen von Jobs-Präsentationen: Wer sich für Apples visuelle Geschichte interessiert, wird hier viel Freude haben. Als Coffeetable-Book macht es eine gute Figur, als Geschenk für Apple-Fans ohnehin.
Apple
Der Text hält mit der Optik mit. Pogue schreibt flüssig und unterhaltsam, ohne je zu überfrachten – das ist das Können eines Mannes, der sein Leben damit verbracht hat, Technik für normale Menschen verständlich zu machen. Die Kapitel über Apples Beinahe-Pleite in den Neunzigern, die dramatische Rückkehr von Steve Jobs 1997 oder die Entstehung des iPhone lesen sich mit echtem Tempo. Für jemanden, der Apples frühe Jahre von 1976 bis 1985 noch nicht vertieft kennt, ist das Buch ein wirklich angenehmer Einstieg in die Geschichte des Unternehmens.
Wo die Sorgfalt fehlt
Nun zum Aber. Pogue bewirbt sein Buch explizit damit, Mythen zu korrigieren – “new facts that correct the record” steht im Klappentext. Das ist ein ambitionierter Anspruch, der leider nicht immer eingelöst wird. Ein kleines, aber symptomatisches Beispiel: Im Buch taucht als Erscheinungsjahr des ersten iPad 2011 auf. Es war 2010 – vorgestellt im Januar, Verkaufsstart im April, zumindest in den USA; Deutschland folgte im Mai. Das iPad 2 war es, das 2011 erschien. Für ein Buch, das fünfzig Jahre Apple lückenlos aufdröseln will, ist das ein vermeidbarer Fehler. (In der deutschen Übersetzung vom Franz-Vahlen-Verlag ist dieser Fehler behoben – Anm. d. Red.)
Apple
Schwerer wiegt eine inhaltliche Unschärfe rund ums erste iPhone. Im Buch findet sich die alte Erzählung, Apple habe Copy & Paste schlicht “vergessen”. Diese Erklärung geistert seit Jahren durch die Tech-Presse – und greift zu kurz.
Wer Ken Kociendas Buch “Creative Selection” gelesen hat, weiß: Kocienda, einer der Kernentwickler der virtuellen iPhone-Tastatur, erklärt dort detailliert, dass das Team mit Keyboard und Autokorrektur so ausgelastet war, dass die Benutzeroberfläche für Textauswahl zeitlich nicht mehr in Version 1.0 passte. Es war eine Ressourcenentscheidung unter extremem Zeitdruck und keine Vergesslichkeit.
Den Ingenieuren, die damals Außergewöhnliches geleistet haben, mit “vergessen” abgespeist zu werden, ist nicht fair. Und in einem Werk, das beansprucht, das Geschichtsbuch zu korrigieren, besonders schade.
Ähnliches gilt für den Trackball: Als Innovation des PowerBook 100 beschrieben, übersieht das Buch, dass der Macintosh Portable von 1989 dieses Element bereits hatte. Das PowerBook 100 hat das Design perfektioniert und den Trackball zentral vor die Tastatur gerückt – das ist eine andere Geschichte als eine Erfindung aus dem Nichts.
Wie bei dem iPad-Fehler scheinen auch die beiden Unregelmäßigkeiten um Copy-Paste und Trackball in der deutschen Ausgabe berichtigt worden. Anmerkung der Redaktion.
Das eigentliche Paradox
150 Interviews – darunter mit Steve Wozniak, John Sculley, Jony Ive und aktuellen Apple-Ingenieuren. Das ist ein Zugang, den kaum ein Journalist bekommt. Und doch liest sich das Buch über weite Strecken wie eine sehr aufwendig bebilderte Zusammenfassung von Dingen, die der eingefleischte Apple-Leser bereits kennt. Die Isaacson-Biografie, “Revolution in the Valley”, “Creative Selection” – wer diese Bücher gelesen hat, findet bei Pogue vertrautes Terrain. Die 150 Interviews liefern gelegentlich frische Töne, ein wirklich neues Bild entsteht daraus aber nicht.
United States Mint
Das ist die Stelle, an der das Buch seine Zielgruppe klar teilt: Wer die iPhone-Ära und die Geburt des iPads oder die Tim-Cook-Jahre bis heute nur grob kennt und einen schön gemachten Überblick sucht, ist hier genau richtig. Wer tiefer in der Materie steckt, wird mit einem gemischten Gefühl zurückbleiben.
Fazit: Für wen lohnt sich der Kauf?
Als Geschenk für Menschen, die Apple-Produkte lieben und die Unternehmensgeschichte bisher nicht kennen – klare Kaufempfehlung. Das Buch ist schön, lesenswert und angenehm zu lesen. Als persönliche Lektüre für jemanden, der Apple seit Jahren verfolgt, braucht es eine ehrlichere Abwägung: Die Fehler sind real, die Neuerkenntnisse überschaubar.
Pogues Buch ist ein würdiges Geschenk zum Jubiläum. Das definitive Apple-Buch ist es nicht.
Anmerkung: Zum Zeitpunkt des Artikels liegt, wie dargestellt, die deutsche Version des Buchs bisher nicht vor – der Artikel wurde auf Basis des englischsprachigen Originals geschrieben.
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