EUDI-Wallet kommt, doch mit ihm noch ein App-Zoo
Ganz am Ende des ersten Tages steigt Michael Stehle aus dem Bundesministerium für Verkehr auf die Bühne und verspricht Ungewöhnliches: „Ich zeige euch, wie unsere i-KFZ-App live funktioniert, statt in den Powerpoint-Folien zu blättern.“ Er hält das Versprechen: Über die i-KFZ-App wollte er seinen Traktor mit der Mitrednerin von der Bundesdruckerei teilen, doch jemand aus dem Publikum hat den erstellten QR-Code schneller von der Bühne eingescannt und bei sich in der App eingetragen.
Von der EUDI-Wallet gibt es höchstens Mock-ups, obwohl sich der ganze Summit um die Neuerung dreht. Aber die App ist nur das letzte Glied in einer Kette von Strukturen und Beteiligten, die sich zum Summit gesammelt haben. Die Fragen drehen sich nicht um die Funktionalität der Apps, sondern um das Ökosystem des ganzen digitalen Ausweises.
Denn die ersten Tests bei den Behörden laufen bereits, auch einige Firmen probieren eigene Anwendungsfälle in einer geschlossenen Umgebung, einer sogenannten Sandbox.
Im Bundestag soll noch ein Gesetz zur Digitalen Identität verabschiedet werden. Diese Gesetzgebung setzt den Rahmen für die EUDI-Wallet auf der nationalen Ebene. Wenn die EUDI-Wallet im Januar 2027 startet, werden zunächst nur grundlegende Funktionen wie der digitale Ausweis vorhanden sein. Mit der Zeit wird der Betreiber andere Möglichkeiten in der App implementieren. Nach zwölf Monaten, also im Januar 2028, können dann private Anbieter ihre Wallets für den Umlauf in Deutschland zertifizieren.
Die Zukunft der EUDI-Wallet
Sicher ist, dass das Bundesministerium für Digitales aus den Fehlern der Ausweis-App lernen will. Für den Start der Wallet ist eine Marketing-Kampagne geplant, ähnlich wie bei der Corona-Warn-App. Der Name wird sich ebenfalls ändern. Die Betreiber sind sich bewusst, dass der Erfolg der App davon abhängt, wie benutzerfreundlich sie bei der Einrichtung und Nutzung sein wird. Denn wenn die Bürger die neue App ausprobieren und sich lange mit der Einrichtung beschäftigen, sinkt die Akzeptanz sofort.
Bezeichnend ist, dass beim 2010 eingeführten Personalausweis mit Online-Ausweisfunktion rund 75 Prozent der Bürger ihre eigene PIN nicht kennen. Die baden-württembergische Verwaltung verzeichnet zudem die meisten Abbrüche bei ihren online angebotenen Behördengängen schon auf der Stufe der Verifizierung, was heißt, dass die Nutzer die Authentifizierung per Ausweis-App als verwirrend oder zu kompliziert empfinden.
Governikus, der Entwickler der Ausweis-App, verzeichnet wiederum drei Millionen erfolgreiche Transaktionen pro Monat mit dem Online-Personalausweis. Von dem Viertel der Bundesbürger, die zumindest einmal ihren Ausweis online verifiziert haben, also 20,8 Mio., nutzt lediglich ein Drittel die Online-Ausweisfunktion mindestens einmal monatlich.
Eine EUDI-Wallet eröffnet sehr breite Möglichkeiten für digitale Signaturen und eine Verifizierung nur mit notwendigen Attributen wie dem Alter. Auch digitale Siegel wären damit möglich. Doch in vielen Fällen sind diese Attribute aus unterschiedlichen Registern nicht mal auf der nationalen Ebene angeglichen. Als Beispiel wurde ein Abiturzeugnis genannt: Ein Abiturient aus Bremen würde sich in München mit seinem digitalen Zeugnis nicht verifizieren können, weil vergleichbare Dokumente in den beiden Bundesländern unterschiedliche Informationen tragen.
Ein digitaler App-Zoo
Nicht angesprochen wurde auf dem Summit der drohende Wildwuchs der Behörden-Apps, die alle im gleichen Bereich agieren. Da wäre zum einen die Ausweis-App, die offenbar weiterhin bestehen bleibt. Im Januar 2027 kommt die EUDI-Wallet, in der man sich aber anscheinend ohne die Ausweis-App verifizieren kann. Vor wenigen Wochen wurde noch die Deutschland-App angekündigt, mit der man auf der Grundlage von digitalen Identitäten behördliche Dienstleistungen auf dem Smartphone erledigen können soll. Die eingangs erwähnte i-KFZ-App gibt es auch noch. Vor einer Woche hat auch die EU-Kommission eine gesonderte App zur Altersüberprüfung angekündigt. Wie ein Teilnehmer des Summits bemerkt hat: „Uns droht ein digitaler App-Zoo, weil wir zu viel Geld dafür haben.“
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