Apples Highlights der ersten 50 Jahre, Teil 2: 1986 bis 2001
Weiter geht es in unserer Sause durch die Apple-Geschichte der vergangenen 50 Jahre. Nach dem ersten Teil, in dem wir die Jahre 1976 bis 1985 uns zum Thema machten, überspringen wir gleich mal ein paar Jahre und steigen in das Jahr 1992 ein, das für Apple einen gewaltigen Fallstrick bereithielt.
1992: Wer zu früh kommt, den bestraft der Markt
Der Abschied von seinem Gründer schien Apple zunächst nie zu schaden. Während der Apple II in seinen Varianten immer noch solide Umsätze einspielte, kam auch das Geschäft mit dem Mac allmählich in Schwung. Macintosh Plus (1986), Macintosh II (1987), Macintosh SE (1987) und der sündhaft teure Macintosh IIfx (1990) definierten das High-End-Computing jener Zeit.
Macintosh II
Apple
Der Mac hatte seine Nische gefunden, insbesondere in den Büros von Kreativen, die bei der Digitalisierung der Arbeitswelt vorangingen und nach höchstmöglicher Leistung suchten. Gleiches passierte in der Wissenschaft: Labors weltweit setzten auf Macs und nicht auf die billige Kopie aus Redmond.
Microsoft gelang es hingegen, den Massenmarkt zu erobern, mit Windows, das nicht nur auf den ersten Blick aussah wie eine Kopie des Mac-Systems. Aber Bill Gates hatte bekanntlich ebenso Inspiration im Xerox-PARC gefunden.
Dabei hätte John Sculley, dessen Verdienst es war, Apple in der ersten Nach-Jobs-Ära auf Kurs gebracht zu haben, Windows verhindern können. Denn Bill Gates, der mit seiner Firma Microsoft mit die ersten wichtigen Programme für den Mac entwickelt hatte, wollte von Sculley erst mal nichts weiter, als das Mac-System in Lizenz zu nutzen. „Na gut, dann machen wir es eben selbst“, schien sich Gates nach der Absage aus dem Silicon Valley gesagt zu haben.
Apple sah sich geradezu gezwungen, auf die freche Konkurrenz mit einer Plagiatsklage zu reagieren. Die ging aber ziemlich nach hinten los, von Dutzenden Anklagepunkten blieb am Schluss nur eine übrig und Microsoft durfte bis 1995 in Windows keinen Papierkorb einbauen.
Das war aber nicht der Grund, warum Sculley im Jahr 1993, nach gut zehn Jahren als CEO, das Unternehmen wieder verlassen musste. Instinktiv wusste er, dass der Desktop-Computer irgendwann ein Relikt werden würde und selbst Laptops ein Nischendasein führen würden. Die Zukunft des Computers lag in der Jacken- oder Hosentasche – und Apple hatte das Gerät der Zukunft schon in dieser aus heutiger Sicht fernen Vergangenheit der Neunziger entwickelt.
Das Newton Message Pad, kurz Newton, war seiner Zeit voraus.
Apple
Sculley beging aber den strategischen Fehler, schon im Jahr 1992 über das Newton Message Pad zu sprechen und was es alles können würde. Insbesondere die Handschriftenerkennung sei ein Clou, bald würde niemand mehr eine Tastatur benötigen.
Apples Ingenieure benötigten aber noch ein Jahr, um überhaupt ein Gerät fertig zu bekommen, voller Macken und Unzulänglichkeiten. Die Handschriftenerkennung: ein Witz. Die Verbindung zum Mac: umständlich bis unmöglich. Das mobile Internet: noch gar nicht erfunden. Die Konkurrenz schlief nicht. Der kurzzeitige Weltmarktführer bezüglich Personal Digital Assistant (PDA) Palm hatte die entscheidende Idee, wie man eine Technik wie Handschriftenerkennung, die erst in den 20er-Jahren dieses Jahrhunderts halbwegs ausgereift war, im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts an die Kundschaft bringen kann: Lasst diese doch einfach eine definierte Kurzschrift lernen, damit sich das Gerät nicht so schwer damit tut, ein X von einem U zu unterscheiden.
Mit Sculleys Ausscheiden bei Apple verschärfte sich jedoch eine Krise, die er selbst eingeleitet hatte: starke Konkurrenz, unübersichtliches Angebot und keine Idee, wie man dieses World Wide Web, von dem plötzlich alle sprachen, für sich nutzen konnte. Auch seinem Nachfolger Michael Spindler sollte kein Turnaround glücken, der darauffolgende Gil Amelio schrieb dann Milliardenverluste, traf dann aber zwei wichtige und richtige Entscheidungen: das Projekt iMac voranzutreiben und Steve Jobs samt seiner Firma zurückzuholen.
1996: Das unglaubliche Comeback des Steven P. Jobs
Apple ist immer wieder für eine Überraschung gut, selbst den Dezember sollte man nicht abschreiben, ehe es Weihnachten wird. Die Nachricht, die am 20. Dezember 1996 die Welt erschütterte – zumindest den von Macianern bewohnten Teil – sucht aber noch bis heute ihresgleichen: „Apple kauft NeXT für 400 Millionen US-Dollar – Steve Jobs kehrt zurück“.
Die Macwelt hätte das gerne auf ihrer Website vermeldet, als Push-Meldung auf alle iPhones verschickt und noch einen Sondernewsletter vor den Feiertagen verschickt, aber leider war das Internet erst kurz zuvor erfunden worden (nicht ohne Apples Beteiligung), das iPhone ein noch fast zehn Jahre ferner Traum und mit dem Wort Newsletter verbanden nicht nur wir ein Stück bedrucktes Papier.
Macwelt-Ausgabe 2/1998Download
Das Papier, auf dem wir die Sensation vermeldeten, lag zu dem Zeitpunkt schon zum Bedrucken bereit vor der Offset-Maschine, in letzter Minute konnten wir die Sache noch verzögern, den Titel ändern und vier Seiten austauschen, die wir erst nach der Macworld Expo am 7. Januar fertigstellen sollten.
Apple blieb keine andere Wahl, als mehr oder minder reumütig bei Steve Jobs und seiner Firma NeXT Computer nachzufragen, ob man denn nicht gegen viel Geld das seit 1985 gesammelte Know-how zurück nach Cupertino bringen möchte, denn das klassische Mac-Betriebssystem hatte ein Problem: Es war organisch gewachsen und zu einer Halde einst guter, aber überholter und auch jeder Menge unausgegorner Ideen geworden. Multitasking und ‑threading? Nein, wozu? Speicherschutz? Auch nicht vorgesehen. Internet? Inter … was?
Das mag eine überspitzte und unfaire Darstellung des ab Version 8 Mac-OS genannten Systems gewesen sein, aber Apple hatte schon Jahre zuvor erkannt, dass der Mac und die Geräte, die danach kommen sollten, dringend ein modernes Betriebssystem benötigen würden.
Ein solches zu entwickeln, war in Kooperation mit IBM misslungen, der ehemalige Apple-Manager Jean-Louis Gassée sah sich schon als neuen Helden Apples, als er ernsthaft über eine Übernahme seiner Firma Be mitsamt dem BeOS verhandelte.
Den Zuschlag erhielten aber Steve Jobs samt seinem Projekt NeXTStep respektive Openstep: ein auf BSD-Unix basierendes und skalierbares Betriebssystem, das Herz des NeXT Cube gewesen war, jenes noch teureren Rechners, den Steve Jobs vordergründig für hohe und höchste Ansprüche in Wissenschaft, Technik und Wirtschaft konzipieren ließ.
Zu dem Zeitpunkt, als Apple sein Softwareproblem lösen wollte, war NeXT als Hardwarehersteller längst gescheitert und der Cube Geschichte. Es ist der pessimistische Teil der Prophezeiung eingetreten, die Jobs zu Beginn seines nächsten Abenteuers nach Apple wagte: „Entweder werden wir der letzte Computerhersteller, der es schafft, oder der erste, der es nicht schafft.“
Aber an sündhaft teurer Hardware hatte Apples Führungsriege um Gil Amelio ohnehin kein Interesse, die Software sollte es richten. Nur war der Prozess, das Unix-System mit der schicken Mac-Oberfläche und seinem „Ease of Use“ zu vereinen, eine mehrere Jahre dauernde Odyssee mit mehreren Richtungswechseln – die Reise hat sich aber gelohnt, wie wir nicht erst seit heute sehen.
Vom NeXTCube, dem Rechner, der das High-End erobern sollte, bleiben Legenden. Etwa das Material des Gehäuses: Magnesium statt Aluminium. Oder die Tatsache, dass er kein perfekter Würfel war, sondern um einige Millimeter davon abwich, damit das fehlbare menschliche Auge ihn eben doch als perfekten Würfel sehen konnte. Oder die Tatsache, dass ein gewisser Tim Berners-Lee das World Wide Web in seinem Büro im CERN auf einem NeXT-Rechner entwickelt hatte.
Der Physiker hatte zusammen mit dem unperfekten Würfel aus Kalifornien im Jahr 2012 einen Auftritt bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in London. Vor Milliardenpublikum tippte er in seinen Rechner: „This is for everyone“. Ein schöner Gedanke.
1997: Der steinige Weg zurück zur Profitabilität
Noch am selben Vormittag, als er zusammen mit Steve Wozniak von Gil Amelio auf die hell erleuchtete Bühne der Macworld Expo gezogen wurde, soll sich Steve Jobs geschworen haben, den Laden alsbald zu übernehmen. Die Rede des amtierenden Apple-CEO zur Eröffnung der Leitmesse für Apple-Computer war ein wirres Fiasko ohne jedwede Stringenz. Und was hatte an sich Woz hier verloren, der seit einem im Jahr 1981 knapp überlebten Flugzeugabsturz bei Apple an sich nur im Hintergrund wirkte, aber anders als Jobs, nie wirklich weg war?
Steve Jobs sollte in beratender Funktion bei Apple tätig sein und den Teams von Apple und NeXT dabei helfen, zusammenzufinden. Inmitten des Chaos einer schwer angeschlagenen Firma. Mit Ladenhütern im Regal. Inmitten eines schwelenden Rechtsstreits mit Microsoft, das darin gerade die Oberhand gewonnen hatte und seit 1995 mit Windows 95 tatsächlich auch den Papierkorb des Mac-Systems legal einsetzen durfte. Für ein Projekt, das aus zwei komplexen und einander teils stark widersprechenden Systemen eines machen sollte. Nein, danke, ohne – mich? Nein, ohne den da, dachte Steve Jobs vermutlich mit Blick auf Gil Amelio.
Zuerst war aber der Apple-Aufsichtsrat dran, der sich Jahre zuvor gegen Jobs und hinter Sculley gestellt hatte, der auch nicht mehr da war. Eines der prominentesten Opfer von Jobs Umbaumaßnahmen war Mike Markulla, auch für eine kurze Zeit CEO gewesen und an sich seit Apples Anfangstagen der Strippenzieher im Hintergrund.
Mit immer mehr Jobs-Getreuen besetzt, beschloss der Aufsichtsrat im Sommer 1997 die Absetzung von Gil Amelio. Steve Jobs sollte „interimsweise“ den CEO-Posten übernehmen und in dieser Verantwortung auch einen Nachfolger für sich suchen. Gehalt erhielt Jobs als Berater keines, er hatte gerade mit dem Verkauf seiner NeXT-Anteile ordentlich Profit gemacht, einen symbolischen US-Dollar sollte Jobs bis zu seinem Tod pro Jahr gezahlt bekommen. Und natürlich jede Menge an wertvollen Aktienoptionen, aber das ist eine andere Geschichte.
Ob Jobs jemals ernsthaft nach einem CEO suchte? Wahrscheinlich nicht. Aber neben seinen von NeXT gewechselten Getreuen wie dem Softwarechef Avie Tevanian, fand er bei Apple auch etliche Leute vor, die Brüder im Geiste waren oder werden sollten. Das Marketing-Genie Phil Schiller, der 1997 zu Apple zurückgekehrt war. Der von Compaq abgeworbene Lieferkettenspezialist Tim Cook. Und der britische Designer Jonathan Ive.
Der iMac von 1998.
Apple
Nicht weniger wichtig als die Personen, war aber ein Projekt seines Vorgängers, das Steve Jobs in einem halb fertigen Entwicklungszustand vorfand: einen einfachen, nicht allzu teuren Desktop-Computer, der alles mitbrachte, was man in der jungen Internet-Ära benötigte, wie ein eingebautes Modem, standardisierte USB-Anschlüsse statt ein Übermaß an proprietären Ports und ein an den lächelnden Mac der 80er erinnerndes freundliches Design. Sie nannten ihn iMac.
Die zweite Ära Jobs hatte nach Amelios Ausscheiden aber mit zwei denkwürdigen Auftritten schon vor dem iMac begonnen. Auf der Sommer-Ausgabe der Macworld Expo, damals noch in Boston, hatte der Interims-CEO eine gute Nachricht: Die Streitigkeiten mit Microsoft seien beendet, der Frenemy aus Redmond wolle stattdessen seinen Internet Explorer auch für den Mac entwickeln und endlich auch wieder das Office-Paket pflegen. Dazu gebe es eine Finanzspritze in Höhe von 500 Millionen US-Dollar, in nicht stimmberechtigten Aktien.
Auch wenn das vermutlich der letzte Strohhalm war, nach dem Steve Jobs erfolgreich griff, war die Kritik an dem Auftritt immens. Jobs schob das später auch auf die Tatsache, dass Bill Gates nicht nach Boston gekommen war, sondern überlebensgroß auf Leinwand in einem Videogespräch erschien. Steve Jobs klein davor, wie ein devoter Bittsteller.
Der nächste Auftritt zur Macworld Expo in San Francisco, ein Jahr nach der Rückkehr des verlorenen Sohnes, sollte aber zeigen, dass die Entscheidung richtig war. Jobs generierte dabei ein Bonmot, als er am Ende seiner ansonsten wenig erinnerungswürdigen Präsentation sagte: „Da ist noch eine Sache … wir machen wieder Gewinn.“ Ebenso wie die an jenem Tag eher zufällig getragene Kombination aus schwarzem Rollkragenpullover, Blue Jeans und weißen Sneakers solle „One more thing …“ Jobs’ zweite Amtszeit prägen.
1998: Zum Ablecken schön
Mai 1998: Der iMac erblickt das Licht der Welt – und die Welt blickt durch das halbdurchlässige Gehäuse in Bondi Blue zurück. Nur wenige Tage nach der Vorstellung des iMac, der Apple zwar nicht zur Multi-Billionen-Company machen sollte, aber den Aufbruch dorthin markierte, zeigte Apple den in San José zur WWDC versammelten Entwicklern, was denn nun in der Zwischenzeit aus dem Projekt „NeXT trifft Apple und fügt Openstep mit Mac-OS zusammen“ geworden ist. Viel war es bis dato nicht, aber seit Mai 1998 war der Plan wenigstens klar.
Fast ein Jahr zuvor noch hatte Apple mit Mac-OS eine Art Zwischenwesen aus dem Gestern und dem Morgen herausgebracht: Mac-OS 8. Dieses hatte nicht nur ein frisches Design, sondern brachte auch einige Funktionen des gescheiterten Projekts Copland mit, das Apple als Betriebssystem für das 21. Jahrhundert zu entwickeln gedachte, bevor sich die meisten Wege dorthin als Sackgassen erwiesen.
Wesentliches fehlte in Copland jedoch: eine fortschrittliche Suchtechnologie, ein neues Dateisystem, überarbeitetes Multitasking und Speicherschutz. An sich war es nur ein etwas verbessertes System 7.7, allein die Optik ließ den Versionssprung auf die 8 und die Umbenennung von „System“ in „Mac-OS“ angemessen erscheinen. Das hatte für Apple aber den angenehmen Nebeneffekt, dass auf einen Schlag lästige Konkurrenz wieder in die Röhre schauen musste. Denn die von Jobs’ Vorvorgänger Michael Spindler ausgegebene Lizenz an Unternehmen wie Umax oder Power Computing galt nur für System 7 und alle seine Punktversionen – nicht für Mac-OS 8.
Die Idee war auch nicht aufgegangen – mit Softwarelizenzen an Dritte so stinkreich zu werden wie Microsoft. Schlecht für Apple war zudem, dass mit System 7 nicht nur Billigkisten liefen, sondern durchaus hochwertige Maschinen, die es mit Spitzen-Macs aufnehmen konnten, aber weit weniger kosteten.
Wenn wir heute retrospektiv Apples Wandlungen ansehen, vom 68K-Chip der Anfangszeit über PowerPC und Intel zum heutigen Apple Silicon: Das lief alles in allem recht smart und zügig ab, die alten Kisten kamen auch lange noch gut mit dem neuen System zurecht. Der weit schwierigste Umstieg war der von der alten Systemwelt der frühen 80er auf eine für das 21. Jahrhundert geeignete.
Rhapsody war der Codename des ersten Versuchs, Mac-OS mit dem von NeXT mitgebrachten, auf Unix basierenden Openstep zu fusionieren. Dabei sollte das Beste aus beiden Welten zusammenkommen: Das präemptive Multitasking, der Speicherschutz und das Mehrbenutzersystem von Unix mit der legendären Einfachheit des Mac. Dabei sollten alte Programme noch auf dem neuen System weiterlaufen und Entwickler für beide ihre Software schreiben können. Vor lauter Blue- und Yellowboxes, wie die unterschiedlichen Umgebungen hießen, wurde dem Publikum ganz schwindlig.
Mit dem gleichen Ziel, aber etwas anderen Strukturen, kam dann das Konzept von Mac-OS X daher. Das X erinnerte nicht nur an Unix und NeXT, sondern wurde wie die römische Zehn gelesen und gesprochen. Weswegen es zwischen dem aktuellen Mac-OS 8 und dem neuen System noch ein Mac-OS 9 würde geben müssen, das Apple für 1999 plante und tatsächlich auch herausbrachte.
Die Public Beta von Mac-OS X kam noch ohne Apfel-Menü.
512Pixels, Apple
Alte Software würde künftig in einer Klassikumgebung laufen, booten würde man den Mac wahlweise mit dem alten oder dem neuen System, sofern man es gekauft und installiert hatte. Software aus beiden Welten ging natürlich nur unter Mac-OS X, für das Apple noch bis zum Frühjahr 2001 brauchen sollte.
Mehr als ein Jahr davor, die 2000er waren gerade ein paar Tage alt, konnte die Öffentlichkeit den allerersten Blick auf das neue System werfen, das auch noch ein völlig neuartiges Design hatte. Vergleicht man das Liquid Glass von macOS 26 Tahoe mit der Oberfläche des Vorgängers Sequoia und nimmt das mal X – dann hat man ungefähr eine Vorstellung davon, wie stark sich das klassische und das neue System unterschieden.
Die halbtransparenten, hellblauen Bedienelemente sähen so lecker aus, dass man den Bildschirm ablecken möchte, schwärmte Steve Jobs bei der Präsentation der Oberfläche, die ihren Namen Aqua berechtigterweise trug.
Apple hatte aus der Sackgasse Rhapsody buchstäblich noch ein Produkt gemacht: Mac-OS X Server 1.0 war schon 1999 erschienen, zwei Jahre vor dem Client-System. Ab 2001 gab es nur noch eine Server-Variante von Mac-OS X ohne Rhapsody-Wurzeln. In OS X 10.7 Lion wurde die davor eigenständige Server-Variante zu einem Installationspaket heruntergestuft, das aber nicht inbegriffen war. Seit 2022 ist der Server komplett aus macOS verschwunden.
2001: 1000 Songs in der Hosentasche
Apple ist zurück – und wie! Der iMac wird zu einem durchschlagenden Erfolg und bekommt sehr schnell Nachfolgegenerationen, bei denen Apple mit der Farbe spielt und den ein oder anderen Port neu einbaut (Firewire). Der Power Mac wird reduziert auf eine Tower-Variante – davor gab es ihn optional auch als Desktop –, bekommt die starken Chips G3 und G4 und ein von iMac inspiriertes Design. Das Powerbook erscheint mit Titangehäuse und G4-Chip, ein als „Schminktäschchen“ verspottetes iBook komplettiert die 2×2-Matrix. Apple, das sich in den 90ern so arg verzettelt hatte, bietet nun für Profis und Einsteiger je einen Desktop und einen Laptop. Warum kompliziert, wenn’s auch einfach geht?
Nicht im Bild: Soundsticks und Subwoofer von Harman Cardon. Die gab es bnur gegen satten Aufpreis.Computer History Museum
Vor Kraft kann Apple schier nicht mehr laufen und sprengt im Sommer 2000 die Matrix – der Meister darf bekanntlich die Form zerschlagen. Der Power Mac G4 Cube ist ein „geschrumpfter“ Supercomputer für den Desktop. Für Einsteiger, respektive Privatanwender? Für Profis, respektive Firmenanwender? Das Design sieht nach ersterem aus, der Preis nach zweiterem, die Folge: Der Cube verkauft sich gar nicht gut und wird schon ein Jahr später wieder eingestellt.
Dann fliegen Flugzeuge in die Twin Towers und das Pentagon.
Apple, das im September 2000 noch stolz auf Apple Expo in Paris den Verkauf (!) der Beta-Version von Mac-OS X begonnen hatte und ein wirklich schierliches iBook in Key Lime zeigte, vermied die Reise nach Europa aus Gründen der Sicherheit, die Messe war gelesen. Ohne Apple keine Expo.
So viel hätte Apple im September 2001 auch nicht zu zeigen gehabt: Mac-OS X war seit März auf dem Markt und schon im Sommer musste Apple das erste Update in Aussicht stellen, denn die Version 10.0 war vorrangig langsam. Die Power Macs G4 sahen zwar immer noch schick aus, aber wo blieben signifikante Leistungsverbesserungen? Seit Februar 2001 konnte zwar auch der iMac CDs brennen, aber den Designern fiel außer blauen Punkten und einem bekifften Blumenmuster nicht mehr viel ein.
Aber da war noch etwas in der Pipeline, das Apple womöglich in einem anderen weltpolitischen Setting gerne mit etwas mehr Liebe gezeigt hätte. Ein elektronisches Gerät, das kein Mac sei, orakelte Apple bei der Einladung zur Pressekonferenz.
Würde der Newton ein Comeback feiern? Jenes erfolglose Gerät, dem Steve Jobs schon im Februar 1998 endgültig den Saft abgedreht hatte? Mac-OS X, so schien es nicht nur Experten, wäre an sich ein gut skalierbares Betriebssystem für ein ultramobiles Gerät. Und WLAN wie mobiles Internet sind ja nun erfunden?
Nix da, hieß es am 21. Oktober 2001. Wir packen 1000 Songs in Eure Taschen, wenn ihr dieses elektronische Gerät für gut 1.000 Mark kaufen würdet. Wir nennen es übrigens iPod und halten Musik für weit wichtiger als PDAs.
Damals fast so revolutionär wie fünfeinhalb Jahre später das iPhone
Apple
Apple war bei weitem nicht der erste Hersteller eines tragbaren MP3-Players, aber der iPod zeigte, wie man bestehende Technologie zu etwas Neuem zusammenführen konnte. 1000 Songs im MP3-Format nehmen etwa die 5 GB ein, die Apple verbaute. Und dabei eine 1,8-Zoll-Festplatte verwendete, die Toshiba entwickelt hatte, ohne dafür eine Verwendung zu haben. 5 GB über USB der ersten Generation vom Rechner auf den Player laden? Dauert ewig! Aber hatte man nicht das zusammen mit Sony entwickelte Firewire, das den Job in wenigen Minuten erledigte?
Nicht zuletzt spielte die Software eine entscheidende Rolle: Erst im Januar 2001 hatte Apple ein neues Programm vorgestellt, das aus der Übernahme der Firma Soundjam und ihres gleichnamigen Produktes entstanden war: iTunes. Dieses würde den angeschlossenen iPod verwalten und ihm die nach diversen Kriterien sortierbare Musik aufspielen. Den Rest erledigte man mit einfachen Bewegungen auf den wenigen Bedienelementen des iPod, um die neuesten Songs zu hören, die man gerade erst von gekaufter CD auf den Mac überspielt hatte, oder auf dem Mac erstellte Wiedergabelisten oder einfach alles auf dem iPod in zufälliger Reihenfolge: als wäre es ein Radio, das nur die Lieblingsmusik spielt, wobei keiner dazwischenquatscht.
Der erste iPod hatte noch ein mechanisches Scrollrad, ab der zweiten Generation war es ein Touch-Wheel und so sollte das bis zuletzt bleiben. Ein Pufferspeicher hielt etwa 20 Minuten lang, in der Zeit musste die Festplatte nichts lesen, was beim Joggen und anderen Gelegenheiten den empfindlichen Mechanismus schonte. Der erste iPod hatte, wie erwähnt, nur auf Firewire als schnelle Schnittstelle gesetzt, die damals kein Windows-PC hatte. Erst mit der zweiten Generation und USB 2 wurde der iPod massenkompatibel. Zum durchschlagenden Erfolg wurde er aber erst ab dem iPod Mini mit 1-Zoll-Festplatte, USB-C und vor allem in bunt.
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