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"description": "Niedersachsen gibt bis zu zehn Millionen Euro für eine neue Imagekampagne mit dem Slogan „Das ist groß“ aus. Ich bin Niedersachse. Und ich frage mich: Für so einen Kram ist Geld da?",
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"publishedAt": "2026-06-13T15:05:24.000Z",
"site": "https://codeundkram.de",
"textContent": "Niedersachsen hat einen neuen Slogan.\n\n**„Das ist groß.“**\n\nAha.\n\nDas ist groß.\n\nWas genau?\n\nDer Einfall?\n\nDie Rechnung?\n\nDer Abstand zwischen politischer Selbstdarstellung und normalem Alltag?\n\nIch bin Niedersachse.\n\nUnd bei so etwas frage ich mich ernsthaft:\n\n**Für so einen Scheiß ist Geld da?**\n\nDie neue Standortkampagne soll Niedersachsen mutiger und selbstbewusster präsentieren. Der bisherige Claim „Niedersachsen. Klar.“ wird abgelöst. Für die Kampagne stehen bis Ende 2027 bis zu zehn Millionen Euro bereit; entwickelt und umgesetzt wird sie von Scholz & Friends.\n\nZehn Millionen.\n\nFür Landesmarketing.\n\nFür Plakate.\n\nFür Slogans.\n\nFür Image.\n\nFür dieses warme Gefühl, dass irgendwo eine Agentur sehr lange auf ein Whiteboard geschaut und dann „Das ist groß“ gesagt hat.\n\nGroßartig.\n\nAlso wirklich.\n\nGroß.\n\nMan muss das erst mal schaffen: Ein Bundesland mit Küste, Harz, Heide, Industrie, Landwirtschaft, Wissenschaft, Häfen, Automobil, Windenergie, Städten, Dörfern, Mooren, Menschen, Problemen, Chancen und Charakter auf einen Satz einzudampfen, der klingt wie die Überschrift eines Möbelhausprospekts.\n\n„Niedersachsen. Das ist groß.“\n\nJa.\n\nFläche haben wir.\n\nDanke.\n\nWusste keiner.\n\nVielleicht kommt als Nächstes:\n\n„Niedersachsen. Hat auch Straßen.“\n\nOder:\n\n„Niedersachsen. Gibt es wirklich.“\n\nOder gleich ganz mutig:\n\n„Niedersachsen. Joa.“\n\nDas wäre wenigstens ehrlich.\n\nNatürlich kann man sagen: Standortmarketing ist wichtig. Fachkräfte, Investoren, Unternehmen, Sichtbarkeit. Alles richtig. Ein Bundesland darf und soll zeigen, was es kann. Niedersachsen ist wirtschaftlich, wissenschaftlich und landschaftlich tatsächlich mehr als der Durchfahrtsbereich zwischen Hamburg, Bremen und Nordrhein-Westfalen.\n\nAber zehn Millionen Euro für eine Kampagne mit einem Slogan, bei dem viele Menschen offenbar erst mal fragen, ob das jetzt wirklich der große Wurf sein soll?\n\nDa wird es dünn.\n\nSehr dünn.\n\nIn Umfragen kam der neue Slogan eher mäßig an: Beim NDR bewerteten rund 63 Prozent von etwa 6.000 Teilnehmenden ihn negativ; bei einer HAZ-Umfrage fanden ihn knapp 80 Prozent wenig kreativ.\n\nUnd genau da liegt der Punkt.\n\nWenn man schon Millionen für Image ausgibt, sollte das Ergebnis nicht klingen, als hätte jemand „selbstbewusst, aber nicht zu konkret“ in eine KI geworfen und danach vergessen, nochmal drüberzulesen.\n\n„Das ist groß“ ist nicht mutig.\n\nDas ist weich.\n\nUnverbindlich.\n\nGlatt.\n\nEs kann alles heißen.\n\nUnd genau deshalb sagt es wenig.\n\nGroß ist der Flächenanteil.\n\nGroß ist die Landwirtschaft.\n\nGroß ist die Rechnung.\n\nGroß ist vermutlich auch die Präsentation, in der erklärt wird, warum dieser Claim emotional anschlussfähig, zukunftsorientiert und identitätsstiftend ist.\n\nNatürlich.\n\nPowerPoint kann alles retten.\n\nAußer Geschmack.\n\nBesonders absurd wird es, wenn man sich anschaut, wo überall angeblich kein Geld da ist.\n\nKommunen ächzen.\n\nSchulen bröckeln.\n\nDigitalisierung dauert.\n\nStraßen und Brücken brauchen Sanierung.\n\nÖPNV auf dem Land ist vielerorts ein Gerücht mit Fahrplan.\n\nKitas fehlen.\n\nVerwaltungen sind überlastet.\n\nKrankenhäuser diskutieren ums Überleben.\n\nUnd irgendwo sagt das Land:\n\nWir brauchen jetzt erst mal eine Imagekampagne.\n\nFür zehn Millionen.\n\nMit Slogan.\n\nDas ist groß.\n\nNein.\n\nDas ist frech.\n\nNatürlich ist das Geld zweckgebunden, geplant, haushalterisch eingeordnet und bestimmt in irgendeiner Zuständigkeit sauber begründet. Schon klar. In der Politik findet sich für jeden Topf ein Deckel und für jede Ausgabe eine Formulierung, die klingt, als sei sie alternativlos.\n\nAber draußen kommt es anders an.\n\nDraußen kommt an:\n\nFür Werbung ist Geld da.\n\nFür echte Probleme muss man leider priorisieren.\n\nUnd genau das ist dieses politische Grundrauschen, das die Leute so wütend macht.\n\nNicht, weil niemand Werbung versteht.\n\nNicht, weil alle gegen Standortmarketing sind.\n\nSondern weil das Verhältnis nicht mehr stimmt.\n\nWenn Bürger den Eindruck haben, dass ihr Alltag an jeder Ecke teurer, komplizierter und schlechter wird, dann wirkt eine millionenschwere Imagekampagne wie ein glänzendes Plakat über einem Schlagloch.\n\nSchönes Bild.\n\nImmer noch Loch.\n\nUnd dann dieser Versuch, Selbstbewusstsein zu kaufen.\n\nNiedersachsen sei bisher zu bescheiden aufgetreten, hieß es sinngemäß aus der Landesregierung. Man wolle stärker zeigen, was das Land kann.\n\nJa.\n\nGern.\n\nAber Selbstbewusstsein entsteht nicht durch einen Claim.\n\nSelbstbewusstsein entsteht, wenn Dinge funktionieren.\n\nWenn Infrastruktur funktioniert.\n\nWenn Verwaltung funktioniert.\n\nWenn Schulen funktionieren.\n\nWenn Digitalisierung funktioniert.\n\nWenn Menschen merken: Dieses Land bekommt etwas geregelt.\n\nDann braucht es nicht zehn Millionen Euro, um „Das ist groß“ an eine Wand zu schreiben.\n\nDann sagen die Leute das vielleicht sogar selbst.\n\nGanz ohne QR-Code.\n\nGanz ohne Agentur.\n\nGanz ohne Kampagnenvideo mit bedeutungsschwerem Blick auf Traktoren, Häfen, Windräder und Menschen, die wahrscheinlich gerade sehr authentisch ins Gegenlicht schauen.\n\nUnd ja, natürlich gibt es gute Bilder aus Niedersachsen.\n\nNatürlich kann man damit werben.\n\nAgrarland.\n\nIndustrieland.\n\nEnergieland.\n\nKüstenland.\n\nWissenschaft.\n\nSport.\n\nKultur.\n\nAlles da.\n\nAber wenn am Ende nur „Das ist groß“ hängen bleibt, dann ist das ungefähr so präzise wie ein Navi, das sagt:\n\n„Da vorne irgendwo.“\n\nHilfreich?\n\nMittel.\n\nTeuer?\n\nOffenbar.\n\nVielleicht bin ich da zu norddeutsch.\n\nVielleicht fehlt mir die emotionale Offenheit für Landesclaims.\n\nVielleicht habe ich einfach zu wenig Begeisterung für Sätze, die aussehen, als hätte man sie erst auf eine Tasse, dann auf ein Roll-up und dann auf einen Fördermittelantrag geschrieben.\n\nAber ich bleibe dabei:\n\nFür zehn Millionen darf mehr kommen als ein Satz, der nach warmem Agenturwasser schmeckt.\n\nNiedersachsen ist groß.\n\nJa.\n\nAber groß ist nicht automatisch gut.\n\nGroß kann auch ein Problem sein.\n\nGroß kann ein Haushaltsloch sein.\n\nGroß kann ein Sanierungsstau sein.\n\nGroß kann der Abstand zwischen Landtag und Lebensrealität sein.\n\nUnd groß ist vor allem die Frechheit, so etwas als Zukunftsinvestition zu verkaufen, während überall sonst erklärt wird, man müsse sparen, priorisieren, kürzen, warten oder Verständnis haben.\n\nIch bin Niedersachse.\n\nIch mag dieses Land.\n\nGerade deshalb nervt mich dieser Kram.\n\nNiedersachsen braucht kein teures Selbstlob mit Punkt.\n\nNiedersachsen braucht funktionierende Infrastruktur, gute Schulen, ordentliche Digitalisierung, verlässliche Verwaltung, bezahlbares Leben und eine Politik, die nicht jedes Problem mit einem Claim zukleistert.\n\n„Das ist groß.“\n\nJa.\n\nDie Rechnung auch.\n\nUnd der Ärger darüber erst recht.",
"title": "Niedersachsen. Das ist teuer.",
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