Influencer: Wer nichts kann, kann immer noch Rabattcode
CODEundKRAM
May 31, 2026
Influencer sind wirklich ein Geschenk.
Also für Marken.
Nicht für die Menschheit.
Früher musste Werbung noch als Werbung auftreten. Dumm, bunt, laut, aber wenigstens ehrlich genug, um zwischen zwei Fernsehsendungen herumzustehen und Waschmittel für emotional wichtig zu halten.
Heute liegt Werbung im Bett, trinkt Matcha, nennt sich „ehrliche Empfehlung“ und hat einen Rabattcode.
Natürlich.
Alles total authentisch.
So authentisch, dass der gleiche Mensch montags Zahnpasta liebt, mittwochs Finanzcoaching entdeckt, freitags plötzlich Nahrungsergänzungsmittel braucht und sonntags in einer Story erklärt, warum dieser eine Staubsauger sein Leben verändert hat.
Ein Staubsauger.
Das Leben.
Verändert.
Man muss diesen Satz erst mal aussprechen, ohne dass einem die Restwürde aus dem Gesicht fällt.
Diese ganze Influencer-Grütze lebt von einer simplen Lüge:
„Ich nehme euch mal kurz mit.“
Nein.
Du nimmst niemanden mit.
Du führst uns durch eine Werbefläche mit Gesicht.
Alles ist Content.
Frühstück? Content.
Urlaub? Content.
Kind? Content.
Trennung? Content.
Neuer Haarschnitt? Content.
Paket auspacken? Content.
Krank sein? Content mit Taschentuch und Affiliate-Link.
Und immer dieses Gelaber von Community.
Community heißt offenbar: Menschen, denen man erst Nähe vorspielt und dann Kollagenpulver verkauft.
Sehr schön.
Sehr menschlich.
Sehr „Code TIM10 spart euch zehn Prozent auf Dinge, die ihr gestern noch nicht gebraucht habt“.
Natürlich gibt es Influencer, die wirklich etwas können. Menschen mit Wissen, Handwerk, Humor, Haltung, Kreativität. Geschenkt. Die meine ich nicht.
Ich meine diese austauschbaren Werbeschaufenster mit Ringlicht, Filter und Persönlichkeit aus dem Baukasten.
Diese Leute, die „so viele Fragen bekommen haben“, obwohl niemand gefragt hat.
„Viele von euch wollten wissen, welche Creme ich benutze.“
Nein, wollten sie nicht.
Die Marke wollte wissen, ob du heute posten kannst.
Und dann dieses Fake-Luxus-Gedöns.
Dubai.
Mietwagen.
Infinity-Pool.
Business-Class-Selfie.
„Work hard, dream big.“
„Ich bin so dankbar.“
„Alles ist möglich.“
Ja.
Vor allem, wenn die Rechnung jemand anders schreibt und das Hotelzimmer nur für drei Storys reicht.
Influencer-Marketing ist der Moment, in dem Werbung aufgehört hat, anständig Abstand zu halten. Sie sitzt jetzt am Frühstückstisch, spricht mit sanfter Stimme und tut so, als wäre sie deine Freundin.
Ist sie nicht.
Sie will deine Aufmerksamkeit.
Dein Vertrauen.
Deinen Klick.
Dein Geld.
Und am besten noch deine Daten.
Aber hey, dafür gibt es einen Rabattcode.
Großzügig.
Am Ende bleibt dieser schmierige Beigeschmack: Menschen verkaufen nicht mehr nur Produkte. Sie verkaufen ihr Leben als Kulisse, ihre Beziehungen als Format und ihre Follower als Zielgruppe.
Und nennen das dann Berufung.
Klar.
Wenn die eigene Existenz aus Produktplatzierung, Selbstoptimierung und gespielter Nahbarkeit besteht, klingt „Berufung“ natürlich besser als „laufender Werbeblock mit Hautpflege-Routine“.
Influencer sind nicht das Problem allein.
Das Problem ist eine Kultur, die Aufmerksamkeit mit Bedeutung verwechselt.
Wer laut genug filmt, gilt als relevant.
Wer oft genug sein Gesicht in die Kamera hält, wird Experte.
Wer Rabattcodes verteilt, wird Unternehmer.
Und wer nichts zu sagen hat, sagt es eben täglich.
In Hochformat.
Mit Untertiteln.
Und Link in Bio.
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