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  "description": "Überall steht nur noch Englisch drauf, und gesprochen wird es auch noch so, als hätte Deutsch plötzlich Hausverbot im Marketing. Aus Seife wird Body Wash, aus Quatsch wird Experience.",
  "path": "/deutsch-zu-ehrlich/",
  "publishedAt": "2026-05-26T07:41:00.000Z",
  "site": "https://codeundkram.de",
  "textContent": "Alles ist nur noch Englisch.\n\nNicht nur auf Packungen.\n\nAuch aus dem Mund.\n\nMan geht in den Laden und steht nicht mehr vor Produkten, sondern vor einem Sprachunfall mit Marketingbudget.\n\nDa gibt es kein Duschgel mehr.\n\nEs gibt **Body Wash**.\n\nKeine Creme.\n\n**Skin Repair Care Complex.**\n\nKein Müsli.\n\n**Morning Crunch Energy Bowl.**\n\nKeinen Keks.\n\n**Protein Bite.**\n\nKeine Socken.\n\n**Comfort Fit Daily Essentials.**\n\nNatürlich.\n\nDeutsch wäre ja auch zu gefährlich.\n\nAm Ende würde noch jemand verstehen, was er kauft.\n\nDas ist wahrscheinlich der Punkt.\n\nEnglisch klingt besser, weil es weniger ehrlich ist. „Körperwaschzeug“ verkauft sich halt schlechter als „Refreshing Body Wash“. Obwohl beides am Ende bedeutet: Mach Schaum auf Haut und hoffe, dass du danach nicht nach Bus riechst.\n\nAber es bleibt ja nicht beim Aufdruck.\n\nNein.\n\nJetzt wird der Quatsch auch noch so ausgesprochen, als hätte jeder zweite Satz ein Auslandssemester in einer Werbeagentur gemacht.\n\n„Hol dir deinen Daily Boost.“\n\n„Für dein Fresh Feeling.“\n\n„Unsere neue Care Routine.“\n\n„Mehr Glow für deinen Lifestyle.“\n\nLifestyle.\n\nNatürlich.\n\nFrüher hatte man ein Leben.\n\nHeute hat man Lifestyle.\n\nMit Routine.\n\nUnd Boost.\n\nUnd vermutlich einem Abo.\n\nDieses verenglischte Gesäusel ist inzwischen überall. In Werbung, im Supermarkt, in Apps, auf Verpackungen, in Podcasts, in Fitnessstudios, in Drogerien. Alles klingt, als hätte Deutsch plötzlich Hausverbot bekommen und dürfte nur noch als Satzbau-Praktikant mitlaufen.\n\n„Der perfekte Snack für unterwegs.“\n\nUnterwegs.\n\nImmerhin.\n\nEin deutsches Wort hat überlebt.\n\nMutig.\n\nBesonders schlimm sind diese halben Begriffe. Nicht richtig Englisch. Nicht richtig Deutsch. Eher sprachlicher Smoothie aus Konferenzraum und Rabattaufkleber.\n\n„Jetzt mit Extra Freshness.“\n„Für dein Daily Feeling.“\n„Mehr Glow für deine Routine.“\n„Smart Care für deine Skin.“\n\nWas soll das sein?\n\nEine Hautcreme oder ein Pitchdeck?\n\nMan kann ja Englisch benutzen, wenn es Sinn ergibt. Technik, internationale Begriffe, Fachwörter, geschenkt. Niemand muss „Router“ jetzt krampfhaft „Datenverteilkasten mit Funkgefühl“ nennen.\n\nAber warum muss auf jeder Packung Haferflocken klingen, als hätte ein schlecht bezahltes Kreativteam drei Tage lang „Urban Lifestyle“ in einen Mixer geschrien?\n\nWeil es hochwertiger wirken soll.\n\nInternationaler.\n\nModerner.\n\nJünger.\n\nAlso im Grunde: teurer.\n\nDeutsch ist zu direkt.\n\nDeutsch sagt: „Haferkeks.“\n\nEnglisch sagt: „Oat Energy Cookie.“\n\nUnd plötzlich kostet das Ding 2,49 Euro mehr und liegt in matter Verpackung mit Pastellfarbe.\n\nSehr beeindruckend.\n\nNicht geschmacklich.\n\nAber typografisch.\n\nUnd natürlich gibt es noch diese Sprachkünstler, denen das deutsche Wort nicht mehr einfällt, weil ihr Gehirn inzwischen bei jedem zweiten Begriff automatisch auf Büro-Englisch umschaltet. „Ich muss das noch challengen, bevor wir es finalisieren.“ Klar. Früher hieß das: drüber nachdenken. Aber das klang vermutlich zu sehr nach Arbeit.\n\nNoch schöner wird es, wenn Menschen diese Begriffe dann auch mit diesem künstlichen Werbeakzent aussprechen. Dieses „Care“, das nicht mehr wie ein Wort klingt, sondern wie ein kleiner Imagefilm im Hals. Dieses „Boost“, bei dem man merkt, dass gerade jemand innerlich ein Produkt verkauft, obwohl er nur über Joghurt redet.\n\n„Ich nutze jetzt diese neue Skin-Care.“\n\nAch so.\n\nCreme.\n\nDu meinst Creme.\n\nOder „Selfcare“.\n\nFrüher hieß das: Ich bade, esse Chips und will heute mit niemandem reden.\n\nHeute heißt das Selfcare und hat eine Duftkerze, ein Hashtag und wahrscheinlich eine Limited Edition.\n\nDas Absurde ist ja: Oft klingt es nicht einmal gut.\n\nEs klingt wie ein LinkedIn-Post auf Müsliriegel.\n\n**Feel Good Snack Moment.**\n\n**Active Performance Care.**\n\n**Smart Living Solution.**\n\n**Daily Energy Experience.**\n\nWas soll das sein?\n\nEine Zahnpasta oder ein Beratungsangebot?\n\nMan weiß es nicht.\n\nMan kauft heute keine Produkte mehr. Man kauft Versprechen in Fremdsprache. Kleine Konsum-Horoskope mit Barcode.\n\nUnd überall dieses „Boost“.\n\nEnergy Boost.\nFresh Boost.\nGlow Boost.\nMood Boost.\nImmunity Boost.\n\nWenn alles boostet, ist irgendwann gar nichts mehr normal.\n\nDann steht man morgens im Bad, benutzt sein Wake-Up Shower Gel mit Freshness Boost, trinkt einen Coffee To Go mit Focus Kick, isst einen Protein Bite mit Energy Core und fragt sich mittags, warum man innerlich klingt wie ein Werbebanner mit Schlafmangel.\n\nVielleicht wäre etwas Ehrlichkeit schön.\n\nEinfach mal:\n\n**Seife.**\n\n**Keks.**\n\n**Creme.**\n\n**Wasserflasche.**\n\n**Socken.**\n\nKein Glow.\n\nKein Boost.\n\nKein Feeling.\n\nKein Lifestyle.\n\nNur ein Produkt, das tut, was es soll.\n\nAber das wäre natürlich viel zu radikal.\n\nAm Ende müsste Marketing wieder echte Gründe finden, warum etwas gut ist.\n\nUnd nicht nur ein englisches Wort draufkleben, es mit Werbeakzent aussprechen und hoffen, dass niemand merkt, dass darunter einfach derselbe Kram liegt wie immer.\n\nMit neuem Namen.\n\nUnd mehr Experience.",
  "title": "Deutsch? Zu ehrlich.",
  "updatedAt": "2026-05-26T11:50:58.715Z"
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