Tradition schießt keine Tore, aber die Gemeinschaft bleibt
Im nächsten Jahr habe ich Jubiläum. Am 01.02. 1966 haben mich meine Eltern in meinen Heimatverein TSV Apensen angemeldet. Bambinis wurden noch ABC-Schüler genannt, Minifußball oder Funino gab es nicht, alles begann mit Kinderturnen bei Hans-Jürgen Scheurer, der damals als besonders „gelenkig“ galt und auch nur 10 Jahre älter als ich war, so meine Erinnerung.
Die erste Kleinkindermannschaft des Vereins übernahm ich auf Geheiß unseres Jugendobmanns selbst mit 16 Jahren, sie trainierten einmal in der Woche eine Stunde, Spiele gab es zunächst keine. Zumal ich keinen Führerschein hatte und die Spieler nicht in die Dörfer im Landkreis Stade hätte transportieren können.
Tradition verhindert keinen Abstieg
In meinen ersten Jahren beim FC Internationale Berlin 1980 e. V. – dem Eindringling im Bezirk - erzählte mir ein Funktionär eines alteingesessenen Vereins: „Ihr habt ja keine Tradition. Wir haben noch eine Fahne bei uns stehen, die ist von 1893.“ Meine Antwort: „Ich würde gut aufpassen, dass diese nicht von den Motten zerlegt wird.“ Etwas Dümmeres war mit nicht eingefallen, sportlich waren wir längst an ihnen vorbeigezogen. Das soll nicht arrogant sein, aber Tradition schießt nun mal keine Tore und verhindert keine Abstiege, wie man gerade am TSV 1860 München sieht.
Früher war sicher nicht alles besser, dafür aber ruhiger und überschaubarer. Auch der Fußball ist schnelllebiger und vor allem kommerzieller geworden, nicht nur bei den Profis. In Berlin gibt es eine Institution, die diesem Trend trotzt: VAR, die Traditionsgemeinschaft des Fußballsports Berlin e. V., wobei VAR mal für Vereinigung Alte Rasensportler stand.
Leider wissen die jüngeren Kicker in der Hauptstadt das Spiel auf dem Naturgrund nicht mehr zu schätzen und wollen fast alle auf Kunstrasen spielen. Der Ball verspringt nicht so oft, so die Begründung. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Im Alter springt der Körper aufgrund der Belastung für Rücken und Gelenke nicht mehr so gut.
Die VAR feierte in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen und wurde vom DFB mit dem Horst-Eckel-Preis der Sepp-Herberger-Stiftung ausgezeichnet. Sie ist zudem Mitglied im Berliner Fußball-Verband (BFV). Doch was macht die Vereinigung eigentlich?
Fußballfreundschaften halten ein Leben lang
Im Vorwort der jüngsten VAR-Nachrichten, ein sechsmal im Jahr erscheinendes Blättchen, das ein wenig aus der Zeit gefallen wirkt, schreibt der ehemalige BFV-Vize Gerd Liesegang: „Die VAR vergisst nicht, wozu unser Sport eigentlich da ist. Es geht um die Gemeinschaft. Ihr kümmert euch immer wieder um diejenigen, die ins Abseits geraten sind.“
Tatsächlich pflegen die Verantwortlichen des VAR den Kontakt zu früheren Mitspielern und Rivalen aus jüngeren Zeiten. Das geht mit langen Geburtstagslisten im Heft los und hört mit Besuchen zu Weihnachten oder auch am Krankenbett längst nicht auf. Das älteste Mitglied ist die inzwischen 103 Jahre alte Lu Pfannenschmidt, die ausführlich auf fussball.de gewürdigt wurde. Bei der ersten offiziellen WM 1930 in Uruguay hatte sie bereits ihren siebten Geburtstag gefeiert.
Bei der Verleihung des Horst-Eckel-Preises wurden auch neue Mitglieder akquiriert: DFB-Chef Bernd Neuendorf und seine Ehefrau traten dem VAR bei, und Moderatorin Amelie Stiefvatter musste selbstverständlich auch das Beitrittsformular ausfüllen. Selbstverständlich bin ich selbst auch Mitglied.
Preisskat und Spargelfahrt statt Punktspiel
Sportlich hält sich der VAR zurück, wobei der beliebte Preisskat ja durchaus auch ein aufregender Wettbewerb sein kann. Ansonsten gibt es Sommerfeste, Spargelfahrten oder Schiffstouren auf der Havel, bei denen man manche Anekdote aus der Vergangenheit zum Besten gibt, sich natürlich auch mal über die fehlende Wertschätzung in diesen modernen Zeiten echauffiert. In den VAR-Nachrichten findet man liebevoll geschriebene Nachrufe, Ehrungen von Mitgliedern mit dem Bundesverdienstkreuz oder für langjährige Verdienste für den Fußball, nur über den Sport selbst findet sich wenig bis nichts.
Für viele Mitglieder des VAR hat die Gemeinschaft einen hohen Stellenwert. Man erfährt von anderen, trifft ehemalige Weggefährten und wird von ihnen nicht vergessen. Um es mit Gerd Liesegang zu sagen: „Sie vergessen die ältere Generation einfach nicht!“ Würde jetzt die Berliner Fußball-Woche noch wiederbelebt, wäre die Fußballwelt zwar nicht wieder in Ordnung, aber ein wenig leb(s)enswerter. Die VAR-Aktivisten werben offensiv dafür.
P. S.: Die VAR legt Wert darauf, dass sie mit der Einführung des Video Assistent Referee nichts zu tun hat. Dieser kam erst 91 nach der Gründung der Traditionsgemeinschaft zur regelmäßigen Anwendung in der Bundesliga.
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