Wie würden die Bayern ohne Harry Kane dastehen?
Elf Punkte Vorsprung nach 24 Spieltagen. Die Bayern gewinnen also ihre 35. Meisterschaft. Das war Samstagabend so erwartbar wie mein Einser im Lotto. Die Münchner stehen außerdem im Halbfinale des DFB-Pokals und sind direkt ins Achtelfinale der Champions League eingezogen.
Alle Welt redet zurecht darüber, wie toll die Bayern unter Trainer Vincent Kompany geworden sind.
Warum kann den Bayern in Deutschland keiner das Wasser reichen? Weil sie neben dem vielen Geld, das sie (verdient) besitzen, den meiner Meinung nach größten Trumpf der Ligageschichte halten: Musiala, Olise, Kimmich, ja, alles super – aber den Unterschied macht ein anderer.
Nach dem 3:2 in Dortmund habe ich mich gefragt: Wie würden die Bayern ohne Harry Kane dastehen?
Ein paar Zahlen: 30 Tore an 24 Spieltagen (Rekordkurs), sieben direkte Assists, zuletzt vier Doppelpacks in Folge (Rekord). Kane ist ein Torbeteiligungsmonster, eine Elfermaschine (zehn Versuche, zehn Treffer), er ist sich für Mittelfeld- und Abwehrarbeit nicht zu schade, fast nie verletzt und obendrein sympathisch. Ein Teamplayer, auf den keiner neidisch ist.
Angenommen, die Bayern hätten im August 2023 einen normalen europäischen Topstürmer gekauft. Er wäre auch sehr erfolgreich und würde heute Platz eins der Torjägerliste belegen – aber eben mit, sagen wir mal, 20 Toren nach 24 Spieltagen. Top-Wert, aber halt zehn Treffer weniger als Kane.
Es gibt keine Statistik, die das belegt, aber ich behaupte: Bayern hätte dann acht bis zwölf Punkte weniger, und der Titelkampf wäre völlig offen.
Man hat ja am Samstag gesehen, wie schnell das gehen kann: Die Milliardentruppe FC Bayern hätte das Spiel in Dortmund durchaus verlieren können. Aber: Sie hatte Kane. Der traf zweimal.
Natürlich ist die Mannschaft als ganzes stark. Und war Kanes Verpflichtung vor zweieinhalb Jahren auch nur ein weiteres Indiz für das immer größer werdende Ungleichgewicht in der Bundesliga. Festgeldkonto und so. Selbst der Kader des ersten Verfolgers in dieser Saison, Dortmund, ist exakt halb so viel wert wie der des Rekordmeisters. "Die Bayern kaufen für 60, 70 Millionen ein, wir holen Entwicklungsspieler", sagte BVB-Trainer Niko Kovac am Samstag.
Die bittere Wahrheit ist: Die Bundesliga braucht keinen Scheich, sie hat den FC Bayern. Aber sie hat auch Harry Kane – ein Phänomen, das einzeln betrachtet werden muss. Womöglich kompensiert der Engländer Defizite, die ohne ihn offensichtlich wären.
Die einzige Hoffnung, die den Bayern-Verfolgern in Deutschland jetzt bleibt: dass der 32-Jährige schnell alt wird. Ansonsten gilt Saison für Saison der gute alte Derrick-Move: "Harry, hol' schon mal die Schale."
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